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Gott, Schwule und Waffen

Die amerikanischen Demokraten vernachlässigten lange ihre Basis. Endlich haben sie es gemerkt.

In den USA spricht man bei den Demokraten vom «Mommy problem». Wenn die Wähler sich eine sorgende, mitfühlende Politik wünschen, wählen sie demokratisch. Wollen sie es autoritär, kriegerisch und viril haben, ziehen sie die Republikaner vor.

Wie sich immer deutlicher zeigt, haben die Demokraten ein noch viel grösseres Problem als ihre angebliche Sanftmut. Sie konzentrierten sich während Jahrzehnten zu sehr auf die nationalen Wahlen und investierten zu wenig Zeit, Personal und Geld in die lokale Politik. Viel zu wenig Zeit, schreibt die New Yorker Journalistin Meaghan Winter, deren neues, eben erschienenes Buch «All Politics Is Local» viel zu reden gibt.

Winter hat jahrelang und in mehreren Gliedstaaten recherchiert. Wie konnte es sein, fragte sie sich, dass die Republikaner nach der Wahl von Donald Trump so viele Bundesstaaten beherrschten wie noch nie seit 1928? Wieso dominierten sie beide Parlamentskammern in Washington, obwohl eine Mehrheit der Wähler für die Demokraten gestimmt hatte? Wie konnte es sein, dass die Republikaner in der Hälfte der Staaten alle Gewalten dominierten – Regierung, Justiz und Parlament? Wieso haben die Demokraten in den Bundesstaaten so wenig Erfolg, obwohl so viele Bewohner ihre Ansichten teilen?

«Obwohl die Politik der Republikaner primär auf Deregulierungen zielt, vertreten sie in den Wahlkämpfen traditionelle, oft religiöse Werte.»

Sie fragte sich das umso mehr, als die meisten demokratisch dominierten Bundesstaaten besser funktionieren als die republikanischen. Ihr Bruttoinlandprodukt ist höher, die Lebenserwartung grösser, die Schulen gelten als besser. Was also erklärt die republikanische Dominanz? Wie die Autorin bei all ihren Besuchen und Gesprächen herausfand, tragen beide Parteien zu dieser Entwicklung bei. Die Republikaner investieren viel mehr Geld in die bundesstaatliche Politik, sie nehmen sich auch eine Menge Zeit, Wahlhelfer auszubilden, sie wirken konsequent auf Medienleute, Pastoren, Richter und Betreiber von Thinktanks ein.

Obwohl die Politik der Republikaner primär auf Deregulierungen für die Wirtschaft zielt, vertreten sie in den Wahlkämpfen traditionelle, oft religiöse Werte. Der grosse Teil der ländlichen Bevölkerung, schreibt Winter, wählt aufgrund von drei Kriterien: «God, Gays, and Guns» – Gott, Schwule und Waffen. Diese lokale Dominanz stützt sich auch auf das sogenannte Gerrymandering, die von den Parteien betriebene Praxis, Wahlkreise zu ihren Gunsten festzulegen. Die Demokraten nutzen die Praxis auch, aber in den vergangenen Jahren waren ihre Rivalen darin besonders schamlos. Das Vorgehen beeinflusst auch die Präsidentenwahl.

«Seit Trumps Wahl haben die Demokraten dazugelernt.»

Und weil die Demokraten dauernd nach Washington schauen, verwenden sie viele ihrer Spenden für die nationalen Wahlen, während die regionale Politik allzu oft ignoriert wird. Die Demokraten versuchen ihre Wähler zu mobilisieren, aber sie organisieren sie nicht. Deshalb fehlen ihnen die Leute für die lokalpolitische Kleinarbeit, die viel zu tun gibt, aber weniger glamourös ist. Ausserdem mangelt es an der Konstanz des Dranbleibens.

Seit Trumps Wahl haben die Demokraten dazugelernt. Dass sie bei den letzten Midterms so viele Sitze gewonnen und die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückerobert haben – das habe auch damit zu tun, sagt der Politexperte B. J. Rudell, dass sie vor diesen Wahlen viel mehr in die lokalen und regionalen Wahlkämpfe investierten. Lokal denken, global gewinnen.

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Podcast «Entscheidung 2020»

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