Die US Army fragte – und bekam schockierende Antworten

Statt Heldengeschichten schildern ehemalige Soldaten und ihre Familien, wie sehr sie an den Folgen des Militärdienstes leiden.

Ein Mann weint am Memorial Day an einem Grab im Soldatenfriedhof von Los Angeles. Foto: Richard Vogel (Keystone)

Ein Mann weint am Memorial Day an einem Grab im Soldatenfriedhof von Los Angeles. Foto: Richard Vogel (Keystone)

Hubert Wetzel@hubert_wetzel

Jedes Jahr im Mai, jeweils am letzten Montag des Monats, gedenken die Amerikaner ihrer im Krieg gefallenen Soldaten. Memorial Day heisst der Feiertag. Auf dem Nationalfriedhof in Arlington wird auf jedes der mehr als 40’000 Gräber ein kleines Sternenbanner gesteckt. Für Politiker ist der Tag ein Anlass, sich als besonders grosse Patrioten zu zeigen. Das gilt allemal für Donald Trump, der sich als Student zwar mit allen denkbaren Tricks um den Kriegsdienst in Vietnam gedrückt hat, der heute als Präsident aber einem kitschigen, ­militaristischen Heldenpatriotismus huldigt.

Das Social-Media-Team des amerikanischen Heeres hatte sich für den Memorial Day eine ­kleine Umfrage ausgedacht. Auf Twitter veröffentlichte die Army das Video eines jungen Mannes, der stolz erzählt, wie die Armee, in seinem Fall die 1. Infanteriedivision, ihn zu einem besseren, stärkeren Menschen gemacht habe. «Wie hat der Militärdienst dich beeinflusst?», fragte die Army in einem zweiten Tweet.

Vielleicht hätte sie das besser gelassen. Mehr als 12’000 Antworten sind bisher eingegangen. Und schon bei der ersten war klar, dass da kein heroisches Epos zusammenkommen würde. «Mal nachdenken», schrieb eine Frau aus dem Bundesstaat Washington. «Ich habe nicht gedient, aber mein Bruder. Er war nie im Krieg, hat sich aber trotzdem in den Kopf geschossen.» In diesem Ton ging es weiter.

Der unsichtbare Preis

Nun ist es kein Geheimnis, dass viele Kriegsveteranen in den USA Probleme haben. Sie sind mit körperlichen oder seelischen Verletzungen aus den Einsätzen in Afghanistan und im Irak ­heimgekommen. Sie haben dort furchtbare Dinge gesehen und getan, manche wurden von Kameraden vergewaltigt. Viele Veteranen leiden unter einer sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD), die ein normales Leben fast unmöglich macht. Doch da die US-Streitkräfte eine Berufsarmee sind, ist nur ein kleiner Teil der Bevölkerung davon betroffen.

Die meisten Normalbürger haben keine Vorstellung davon, wie sehr ehemalige Soldaten und deren Familien leiden. Und noch nie konnte man dieses Leid ungefiltert auf dem offiziellen Twitter-Konto der Army nachlesen. Der «unsichtbare Preis für Amerikas Kriege», wie ein Journalist es nannte, wurde plötzlich sichtbar. Ein Veteran schrieb: «Der Kampf-Cocktail: PTSD, schwere Depressionen, Angstzustände. Einsamkeit. Suizidversuche. Unendliche Wut. Es hat meine Beziehung zu meinem ältesten Sohn zerstört und zu meinem Enkel.» Der Sohn eines Soldaten schrieb: «Mein Dad kam aus dem Krieg im Irak zurück und war gewalttätig, ständig wütend, paranoid.»

Die Suizidrate unter Veteranen liegt doppelt so hoch wie unter Zivilisten. Laut einer Studie des Veteranenministeriums haben sich in den Jahren von 1999 bis 2010 im Durchschnitt jeden Tag 22 Ex-Soldaten getötet.

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