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«Die richtige Frau zur falschen Zeit»

Barack Obama nominiert Staatsanwältin Mary Jo White als neue Chefin der US-Börsenaufsicht (SEC). Obwohl sie als bissig genug gilt, um der Wallstreet Angst einzujagen, kritisieren viele ihre Wahl.

«Du willst dich nicht mit Mary Jo anlegen»: Barack Obama nominiert Mary Jo White als neue Chefin der SEC. (24. Januar 2013)
«Du willst dich nicht mit Mary Jo anlegen»: Barack Obama nominiert Mary Jo White als neue Chefin der SEC. (24. Januar 2013)
AFP
Gilt als hartnäckig und aggressiv: White brachte in ihrer Karriere schon mehrere Schwerverbrecher hinter Gitter, ...
Gilt als hartnäckig und aggressiv: White brachte in ihrer Karriere schon mehrere Schwerverbrecher hinter Gitter, ...
AFP
1,52 Meter grosse Gesetzesvollzieherin: Die 65-jährige Mary Jo White. (April 2002)
1,52 Meter grosse Gesetzesvollzieherin: Die 65-jährige Mary Jo White. (April 2002)
Keystone
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Sie brachte in ihrer langjährigen Karriere als Anwältin schon mehrere der ganz grossen Schurken zu Fall: Mary Jo White. Präsident Barack Obama hat die 65-Jährige gestern an die Spitze der US-Börsenaufsicht (SEC) gesetzt. Dort soll sie nun Jagd auf Finanzjongleure und Wallstreet-Verbrecher machen. «Du willst dich nicht mit Mary Jo anlegen», sagte Obama bei der Nominierung. «Mary Jo lässt sich nicht leicht einschüchtern.» Ob die 1,52 Meter grosse White den Aufgaben gewachsen sein wird, die auf sie zukommen, daran zweifeln allerdings Medien und Beobachter.

Auf den ersten Blick erfülle die Nomination von White alle Anforderungen, schreibt das US-Wirtschaftsmagazin «The Economist». Die Frau, die derzeit als Prozessanwältin bei der renommierten Kanzlei Debevoise & Plimpton angestellt sei, hebe die weibliche Quote in Obamas Regierungsteam, das bislang von Männern dominiert wird. Ausserdem habe sie sich während ihrer Karriere schon mehrmals mit Wallstreet-Gesetzesfällen beschäftigt – allerdings auf der falschen Seite.

«Ist es das, was die SEC braucht?»

White war während der letzten Jahre wiederholt an der Verteidigung von Vertretern der Finanzbranche beteiligt – unter anderem den wegen Insiderhandels zu einer elfjährigen Gefängnisstrafe verurteilten Ex-Goldman-Sachs-Verwaltungsrat Rajat Guptas –, was ihr der CNN-Money-Journalist Stephen Gandel ankreidet. Ihre berufliche Verknüpfung mit namhaften Wallstreet-Managern stelle für viele einen Anlass zur Sorge dar, bemerkt auch die «New York Times».

Der grösste Stolperstein sei aber Whites Ehemann, schreibt der US-Finanzblogger Yves Smith: John White, ehemals Kopf der SEC-Abteilung für Unternehmensfinanzen, lobbyierte zuletzt gegen die Finanzmarktreform von US-Präsident Obama, die auch die Verantwortlichkeiten der SEC tangiert.

An der Person Whites hingegen haben die internationalen Kommentatoren nichts auszusetzen: Hartnäckig sei sie, mit einem besonderen Durchhaltevermögen ausgestattet, «ein Pitbull», wie «Spiegel online» findet. «Sie ist die richtige Frau zur falschen Zeit», schreibt darum der Kolumnist Gandel. Denn White werde der SEC mit grosser Wahrscheinlichkeit zu mehr Biss verhelfen, einzelne Vergehen hartnäckig verfolgen und die Missetäter an den Pranger stellen, wie sie dies schon als Staatsanwältin getan habe. «Doch ist es wirklich das, was die SEC nun braucht?», fragt Gandel. Denn die Börsenaufsicht müsse nicht nur Vollzugsorgan sein, sondern auch den Markt regulieren und seine Fairness sicherstellen – ein Bereich, in dem White nicht viel Erfahrung mitbringe. «Was wir jetzt eigentlich brauchen, ist jemand, der Regeln festsetzt, um den Gesetzesverstössen und dem Hang zur Dummheit an der Wallstreet einen Riegel vorzuschieben.» Für gewöhnlich würden die SEC-Chefs deshalb aus Aufsichtsbehörden oder direkt aus der Wallstreet rekrutiert. Mit White bekomme die SEC nun eine Gesetzesvollstreckerin zu einer Zeit, in der sie eine Regulatorin bräuchte.

Eine Aussenseiterin in Washington

Dass White dazu fähig ist, sich als Aussenseiterin zu behaupten, hat sie allerdings schon mehrmals bewiesen: Sie studierte zunächst Psychologie, schwenkte dann aber auf Jura um. 1993 wurde sie von Ex-Präsident Bill Clinton zur Staatsanwältin in New York befördert – als erste Frau in der Geschichte. Kurze Zeit später fand der erste Anschlag aufs World Trade Center in New York statt. White betreute den Fall, der zwei Jahre später mit der Verurteilung von Ramzi Yousef endete, einem der Drahtzieher des Anschlags. 1992, ein Jahr zuvor, hatte sie bereits den berüchtigten Mafioso John Gotti hinter Gitter gebracht, einen der meistgefürchteten Kriminellen zu dieser Zeit.

Gut möglich also, dass die hartnäckige White ihre Kritiker bald eines Besseren belehrt. Zumal die Bilanz ihrer Vorgängerin wenig berauschend ist, wie «Spiegel online» feststellt. Mary Schapiro, die ihren Posten als SEC-Chefin bereits im Dezember abgab, hatte zahlreiche zivilrechtliche Verfahren gegen Banken und Konzerne eröffnet. Mehr als aussergerichtliche Einigungen und Geldstrafen schauten bei den meisten jedoch nicht heraus.

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