Der Mörder, der seine Opfer malt

Der Serienkiller Samuel Little zeichnet im Gefängnis seine Opfer. Das FBI versucht damit, alte Fälle zu lösen.

Der 79-jährige US-Amerikaner Samuel Little hat insgesamt 93 Morde gestanden: Im Gefängnis zeichnet er seine Opfer – aus dem Gedächtnis. Foto: FBI

Der 79-jährige US-Amerikaner Samuel Little hat insgesamt 93 Morde gestanden: Im Gefängnis zeichnet er seine Opfer – aus dem Gedächtnis. Foto: FBI

Die Galerie der unbekannten Toten befindet sich auf einer Website des FBI: gut zwei Dutzend Porträts junger Frauen, mit ausdruckslosen Gesichtern und roten Lippen, gemalt mit Kreide, Buntstiften und Wasserfarben. Unverkennbar haben die Zeichnungen denselben Urheber, weil sie Ähnlichkeiten aufweisen im Duktus, im Farbton, im Stil.Aber darf man das sagen: Stil?Es ist ja kein Künstler, der diese Frauen gemalt hat. Sondern ihr mutmasslicher Mörder, Samuel Little (79), US-Serienkiller.

Little hat insgesamt 93 Morde gestanden, begangen über einen Zeitraum von 35 Jahrenin vierzehn Bundesstaaten. 2014 wurde er bereits wegen dreifachen Mordes verurteilt, er bekam dreimal «lebenslänglich». Little kooperiert mit der Polizei. Er fertigt Zeichnungen im Gefängnis an, die die Ermittler dann ver­öffentlichen. Sie hoffen, dass jemand die Frauen erkennt, sich Namen finden, Todesfälle klären lassen. Offenbar versteht sich Little selbst als Künstler, die Porträts seiner Opfer, sagt er, könne er aus dem Gedächtnis malen.

Als malender Insasse ist Little kein Einzelfall. Ein Amerikaner hat daraus schon längst ein Geschäftsmodell gemacht. In seinem Onlineshop «Serial Killers Ink» verkauft er Kunstwerke aus dem Knast, Bilder etwa von Thomas Odle (5 Morde) oder Richard Ramírez (13 Morde). Gemäss «Bild» hatte er vor ein paar Jahren auch noch ein Bild des berühmten Killers und Sektenführers Charles Manson im Angebot, wobei weniger die Kunst den Marktpreis regelt als vielmehr der Gruselfaktor.

Gibt es eigentlich einen Zusammenhang zwischen Kunst und Verbrechen, zwischen Kreativität und Kriminalität? Der Künstler Joseph Beuys hat mal geschrieben, Künstler und Verbrecher seien Weggefährten. «Beide sind ohne Moral, verfügen über eine verrückte Kreativität, nur getrieben von der Kraft der Freiheit.»

Serientäter und Hochstapler

Die Kulturgeschichte, das zumindest lässt sich sagen, ist ziemlich voll von ruppigen Gesellen. Der französische Dichter François Villon tötete 1455 in einer Schlägerei einen Priester. Der Maler Caravaggio hat einen Konkurrenten erstochen und Nebenbuhler verprügelt, er wurde mehrmals angeklagt und verurteilt. Und der Renaissancebildhauer Benvenuto Cellini ist mit seinen drei Morden gar ein Serientäter. Klar, das waren wilde Zeiten damals. Aber was ist mit Karl May? Er sass jahrelang im Gefängnis, weil er ein notorischer Dieb und Hochstapler war. Auch Henri Charrière, der «Papillon» schrieb, darf dem kriminellen Milieu zugeordnet werden, ebenso der französischeLiterat und Gauner Jean Genet. Über Pablo Picassos Brutalität und Sadismus haben Frauen berichtet, die mit ihm zu tun hatten. Und Wolfgang Beltracchi, der durch seine Genialität als Fälscher den Kunstmarkt vorgeführt hat, war halt doch auch ein Verbrecher, wenn auch ein irgendwie sympathischer.

Der belgische Maler Luc Tuymans hat dem Magazin «Der Spiegel» einmal gesagt, die westliche Kultur sähe ja ganz anders aus, «hätte es nicht all die verbrecherischen, aber kunstsinnigen Renaissancefürsten gegeben. Und dazu die Maler, die sich gern in der Nähe der Macht bewegten.» Kunst, sagte Tuymans, habe «etwas mit Abhängigkeiten und Perversion» zu tun. «So gesehen sind wir Künstler auch nur Verbrecher.»

Genie mit Sonderstatus

Eine solide statistische Grundlage für die Annahme, dass Kreativität und Kriminalität in einem Zusammenhang stehen, gibt es jedoch nicht. Aber auf die Frage, ob Künstler aufgrund ihrer intellektuellen oder psychischen Disposition eher bereit seien, Normen zu verletzen, antwortete der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp, dass dem künstlerischen Genie «immer ein Sonderstatus zugeschrieben» worden sei. «Und dies hat ihn immer auch unter Druck gesetzt, sich nicht nur im Werk, sondern auch im Verhalten eine Spur anders zu gerieren als ein Bankier oder Kaufmann.»

Die Frage, ob Genie und Wahnsinn zusammenhängen, debattieren Philosophen und Psychologen schon seit der Antike, wobei klargestellt sei, dass ohnehin nur wenige psychische Erkrankungen die Gefährlichkeit eines Menschen erhöhen. Manche Experten sehen eine ursächliche Verbindung zwischen extremer Kreativität und psychischer Störung, weisen etwa darauf hin, dass manische Phasen mit kreativen Schüben einhergehen. Andere halten dagegen, dass nur berühmte Einzelfälle die These des hochbegabten Psychopathen stützen. Die österreichische Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner sagt, Studien hätten gezeigt, dass «Psychopathologie per se nicht die Kreativität fördert».

Und damit zurück zum Gefängnisinsassen Samuel Little. Aus welchem Antrieb er wohl malt? Wer weiss das schon. Wahrscheinlich hat er einfach nur ganz viel Zeit.

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