Der Mann der Prinzipien hat genug von Trump

Der Rücktritt von Verteidigungsminister Mattis erschüttert Washington. Der alte General hielt es nicht mehr aus mit dem Präsidenten.

Der «Mad Dog» hat genug von Trump: US-Verteidigungsminister James Mattis tritt ab. Video: AP
Martin Kilian@tagesanzeiger

Er ging erhobenen Hauptes und mit gestrecktem Mittelfinger: Nach nahezu zwei Jahren in Donald Trumps Zirkusshow wird Verteidigungsminister James Mattis Ende Februar von seinem Amt zurücktreten. Der ehemalige Ledernackengeneral hatte genug von einem fahrigen Präsidenten, dem er zusehends misstraute und den er mit der Zeit immer weniger voll nahm.

Die Nachricht, dass Mattis demissionieren werde, schlug wie eine Bombe in Washington ein, als ob die amerikanische Hauptstadt nicht genug zu kauen hätte: Trumps Rückzug aus Syrien, der drohende Shutdown des US-Staats in der Nacht zum Samstag wegen der Bessessenheit des Präsidenten mit der Grenzmauer zu Mexiko – und nun das.

«Wie geht es jetzt weiter?», fragte ratlos Mattis’ Vorgänger Leon Panetta, der das Pentagon unter Barack Obama geleitet hatte. Ja, wie wohl? Mattis, ein formidabler Denker und erfolgreicher General, der unter anderem das für den Nahen und Mittleren Osten verantwortliche Zentralkommando der US-Streitkräfte geleitet hatte, galt als letzter Erwachsener in Trumps Umgebung. Im Gegensatz zum grossprecherischen Aussenminister Mike Pompeo und dem rabiaten Sicherheitsberater John Bolton war Mattis ein Mann der Prinzipien und des Widerstands, wenn er dies für nötig erachtete.

Sorge in Washington

Nun machte er reinen Tisch. In seinem Abschiedsschreiben an Trump fand er nicht ein einziges Wort des Lobs für den Boss, sondern beklagte dessen Faszination für autoritäre Gestalten auf Kosten der demokratischen Allierten der USA. «Meine Meinung über den Respekt, mit dem Allierte behandelt werden sollten, und meine unverbaute Sicht auf bösartige Akteure und strategische Konkurrenten ist Folge einer vier Jahrzehnte andauernden Beschäftigung mit diesen Dingen», schrieb der Ex-General und verlangte «Solidarität mit den Verbündeten».

Nicht genug damit teilte der scheidende Minister dem Präsidenten im letzten Satz seines Briefs mit, es sei ihm «eine Ehre» gewesen, «der Nation» zu dienen – nicht Trump. Der Präsident solle sich einen Verteidigungsminister suchen, dessen Ansichten «mehr mit ihm» übereinstimmten.

Das sass, nährte jedoch auch die Sorge, die sich in Washington am Donnerstagabend ausbreitete: Wer würde Trump künftig vor sich selber bewahren und die Verrücktheiten des Präsidenten notfalls parieren? Es war Mattis, der Trumps Idee abschoss, Bashar al-Assad entgegen US-Gesetzen zu eliminieren. Und es war Mattis, der Trumps Erlass über ein Verbot von Transgender-Soldaten in den US-Streitkräften zunächst unterlief.

Verhältnis über die Zeit stark abgekühlt

Bob Woodwards Enthüllungsbuch über Trumps erstes Amtsjahr zitierte Mattis als jemanden, der an den intellektuellen Fähigkeiten des Präsidenten zweifelte und ihn für einen kindischen Idioten hielt. Der Ex-Marineinfanterist dementierte pflichtgemäss, niemand in Washington zweifelte jedoch daran, dass Mattis wahrheitsgetreu wiedergegeben worden war. Das zunächst enge Verhältnis Trumps zu «seinem General» – der Präsident nannte ihn, Sicherheitsberater H. R. McMaster und Heimatschutz-Minister John Kelly «meine Generäle» – kühlte sich über Zeit stark ab. Im Oktober sagte Trump in einem Interview, Mattis werde «vielleicht gehen» und sei in Wahrheit «eine Art Demokrat». In Wirklichkeit war und ist Mattis ein Asket mit einem Trump haushoch überlegenen Intellekt, weder ein Schwätzer noch ein auf billige Effekte bedachter Blender.

Donald Trumps seltsame Aussenpolitik, seine Faszination für China und Russland und Nordkorea war Mattis ebensowenig geheuer wie Trumps Ablehnung traditioneller Bündnisse. «Wenn es die Nato nicht gäbe, müsste man sie erfinden», sagte Mattis einmal.

«Krise der nationalen Sicherheit»

Der Bruch kam dann wegen Trumps einsamer Entscheidung, US-Truppen aus Syrien abzuziehen. Mattis war dagegen, wie Pompeo und Bolton übrigens auch, und versuchte nach dem Beschluss ein letztes Mal, den Präsidenten doch noch umzustimmen. Insider berichten, der General habe am frühen Donnerstagmorgen deswegen das Weisse Haus aufgesucht – vergeblich.

Nach seinem Rücktrittsschreiben breitete sich Beklommenheit in der Hauptstadt aus. «Wenn der Verteidigungsminister zurücktritt wegen eines öffentlichen Zerwürfnisses mit einem Präsidenten, dessen Aussenpolitik seiner Meinung nach entgleist ist, dann ist das eine Krise der nationalen Sicherheit», twitterte der demokratische Senator Chris Murphy (Connecticut). Der Vorgang sei «verrückt», erklärte sein Kollege Mark Warner (Virginia).

Und Trump? Er log mal wieder. James Mattis sei «in den Ruhestand gegangen», teilte er mit. Nein, Herr Präsident, der alte General ist nicht in den «Ruhestand gegangen». Er quittierte seinen Dienst, weil er es mit Ihnen nicht mehr aushielt.

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