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Ausverkauf der Jugend

Ein Polizeichef brüstet sich, Sex mit einer 13-Jährigen gehabt zu haben, Politiker halten sich neunjährige «Hausmädchen», Jungfrauen werden versteigert, Teenager prostituieren sich. In Brasilien herrschen derbe Zustände.

Nach Einbruch der Dunkelheit ist die Hafenmeile von Breves in Brasiliens Amazonasdelta kein einladender Ort. Streunende Hunde, stinkender Müll und schummrige Strassenlaternen, die nur die Silhouetten der hier ankernden Amazonasdampfer erahnen lassen. Es ist noch immer heiss und schwül. Moskitos schwirren aus, dürstend nach frischem Blut. Draussen, im verwirrenden Kanal-Mäander der Amazonasmündung, ist das Tuckern von Dieselmotoren zu hören. Auch nachts herrscht reger Schiffsverkehr. Strassen gibt es nur wenige am Amazonas, alles wird auf Flüssen transportiert: Passagiere ebenso wie Toilettenpapier und Betonmischmaschinen oder illegal geschlagene Edelhölzer, Drogen, Waffen. Das brasilianische Amazonasgebiet ist ein idealer Umschlagplatz mit seinen Dschungelgrenzen zu Kolumbien, Peru, Ecuador, Venezuela und Französisch-Guyana. Doch die grüne Hölle ist selbst für das brasilianische Militär, das den Amazonas schon in den 60er-Jahren zum «strategischen Gebiet» erklärt hat, feindliches Terrain. Die Kasernen in Manaus und Belém sind zwar eindrucksvoll – doch die Kontrollen im schwer zugänglichen Hinterland sporadisch. Der Spitzname der JüngstenAus ein paar schmuddeligen Hafenkneipen dringt laute Musik und das Gegröle angetrunkener Seeleute. Auf der Strasse lungern ein paar halbwüchsige Knaben herum. Dealer und Bandenmitglieder. Fast jede Nacht stirbt einer von ihnen bei Messerstechereien oder Schiessereien. Drogenschulden, ein Mädchen oder einfach zu viel Alkohol – nicht einmal die Polizei interessiert sich dafür. Das ist Selenes Welt. Sie und ein paar Freundinnen streunen regelmässig auf der Suche nach Freiern am Hafen von Breves herum. Selene ist achtzehn und längst ein Profi. Die jüngste ihrer Kolleginnen ist gerade einmal zehn. «Babynutte» wird sie genannt. Angefangen hat Selene vor vier Jahren. Damals ging sie als ältestes von sieben Geschwistern noch zur Schule. Das Geld, das durch gelegentliche Näharbeiten der Mutter hereinkam, reichte kaum fürs Essen, geschweige denn für Kleider oder Schuhe. Selenes jüngere Geschwister rannten barfuss in Unterhosen auf der Schlaglochpiste vor der baufälligen Holzhütte der Familie herum, geschlafen wurde in Hängematten. Ihr Vater wurde arbeitslos, nachdem die Sägewerke rund um Breves schlossen. Die Firmen hatten alles Tropenholz gefällt, aber nicht – wie es eigentlich Vorschrift ist – aufgeforstet. Töchter gegen Diesel getauschtEines Tages heuerte ihr Vater auf einem vorbeifahrenden Schiff an und liess die hochschwangere Mutter zurück. Die Geburt verlief kompliziert, tagelang waren Mutter und Neugeborenes im Spital interniert – und Selene, die Älteste, musste sich um die Familie kümmern. Die ersten Tage ging sie nach der Schule am Hafen betteln, um etwas Geld für Reis, Bohnen und Maniokmehl zu bekommen. Am dritten Tag bot ihr ein Mann 20 Real (umgerechnet rund 10 Franken), wenn sie mit ihm in die Kajüte ginge. Selene akzeptierte, schon ahnend, was da kommen würde, denn viele Teenager in Breves verkaufen ihren Körper. Manchen bleibt keine Wahl. Sie werden von den Eltern nachts auf vorbeifahrenden Schiffen eingetauscht gegen ein paar Gallonen Diesel oder als «Hausmädchen» an wohlhabende Familien verkauft. Andere werden bei Verwandten abgegeben, die sich kaum um den eigenen Nachwuchs kümmern können. Einige begleiten ihre anschaffenden Freundinnen nach der Schule an den Hafen und machen so Bekanntschaft mit dem verführerischen Business – oder sie werden von Schleppern angeworben für Bordelle in São Paolo, Madrid oder Paris. Auch der heimische Markt dürstet nach jungen Mädchen: Besonders begehrt sind Jungfrauen, die auf geheimen Versteigerungen an den Meistbietenden verscherbelt werden. Hunderte von Real können Mädchen mit ihrer Jungfräulichkeit verdienen. Eine neunjährige SexsklavinDer Dschungel ist eine Welt der Machos, wo das Recht des Stärkeren gilt. Armut ist dabei sehr zweckmässig für diejenigen, die das Sagen haben. Mit Geld lösen sie alles, und Sex ist eine Ware. Eine, mit der man sich brüstet. Wie der Polizeichef aus Chaves, der auf einem Billardtisch Geschlechtsverkehr mit einer 13-Jährigen hatte und sich dabei filmen liess. Das geht so bis in die höchsten Chargen: So wird João Carepa, dem Bruder der Gouverneurin des Bundesstaates Pará, vorgeworfen, sich mehrfach an einer elfjährigen Verwandten vergangen zu haben. Der Regionalabgeordnete Afonso Sefer, ein geschiedener Familienvater und Arzt, besorgte sich eine neunjährige «Hausangestellte» aus dem Landesinnern und beutete sie nicht nur als Dienstbotin, sondern auch als Sexsklavin aus. Alleine im vergangenen Jahr wurden in Pará 500 Fälle von Kindesmissbrauch angezeigt – die Dunkelziffer dürfte ein Vielfaches davon betragen.Die Politiker müssen sich jetzt vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss in der Regionalhauptstadt Belém verantworten. Einberufen wurde er auf Druck der Kirche. Überlebt hat er dank engagierten Senatoren aus der Hauptstadt Brasilia, die sich hinter die Ermittlungen klemmten. «João Carepa, wenn du nicht in einer Stunde hier bist, lass ich dich von der Bundespolizei holen!», drohte der aus Brasilia eingeflogene Senator Magno Malta in die Fernsehkameras im Parlament. Carepa kam – und schwieg. Doch alleine dass es Malta geschafft hatte, ihn vorzuladen, war den Medien in den Abendnachrichten den Aufmacher wert. «Dem Staat ist all das natürlich auch bekannt, doch er schaut weg», sagte José-Luis Azcona, Bischof der vom katholischen Hilfswerk Adveniat unterstützten Amazonasprälatur Marajó, vor einem Untersuchungsausschuss. «Eine Gesellschaft, die ihre Kinder nicht schützt, hat ihre Würde verloren und wenig Zukunft», wettert er unter Beifall. Dass Azcona die Kinderprostitution öffentlich anprangerte, brachte ihm nicht nur Ruhm ein – sondern auch Todesdrohungen. Ebenso wie zwei weiteren Bischöfen des Bundesstaates Pará: Flavio Giovenale, der sich für eine 15-Jährige eingesetzt hatte, die in einem Männergefängnis festgehalten wurde, und Erwin Kräutler, der Pädophilie an drei Schulen denunzierte. Der Alleingang der Kirche«Die Kirche ist die einzige Institution, die dem Missbrauch etwas entgegen setzen kann», sagt Udo Leibrecht, ein Amazonas-Kenner und Entwicklungsexperte, der mit Azcona zusammenarbeitet. «Der Staat ist am Amazonas eine Beute, an der man sich bereichert, nicht eine Institution im Dienste der Bürger», sagt er. So gibt es in Breves – mit 100000 Einwohnern immerhin der grössten Stadt der Amazonasinsel Marajó – nur zwei Ärzte am örtlichen Krankenhaus, und die bleiben nur vorübergehend. Dabei entbinden hier jeden Monat Dutzende minderjährige Mütter. Lauter Risikoschwangerschaften. Und die Malaria ist auf dem 104000 Quadratkilometer grossen Inselarchipel weit verbreitet. Die Analphabetenrate liegt bei 35 Prozent, die absolute Armut bei über 50 Prozent.Immerhin hat die Anklage der Kirche bewirkt, dass nun erstmals die Marine ein Ärzteschiff in Breves vorbeischickt. Drei Tage ankert das riesige, graue Boot im Hafen – die Menschen stehen Schlange davor, Tag und Nacht. Viele haben stundenlange Kanufahrten auf sich genommen, um gratis behandelt zu werden. Der Stadtpräsident von Breves lässt sich beim Besuch des Schiffs von der lokalen Presse ablichten. Es sind punktuelle Aktionen. Glück an Geld verlorenFür Schwester Yulis Jordán, die in Breves eine Gruppe der gefallenen Mädchen betreut, ist dies der Schlüssel zum Erfolg. «Wenn die Mädchen sich selbst schätzen, schmieden sie Pläne. Dann sehen sie sich nicht als reines Sexualobjekt und Gebärmaschine und geben sich nicht dem Erstbesten hin», sagt sie. Seitdem die Kirche den Kindesmissbrauch angeklagt hat, ist die Öffentlichkeit auf Marajó aufmerksam geworden. Die Schlepper sind abgetaucht, Selene und ihre Freundinnen fühlen sich stigmatisiert und betreiben ihr Geschäft diskreter als früher. Ans Aufhören denkt die 18-Jährige freilich nicht. Ihr Körper hat ihr geholfen, ihre Teenager-Träume zu erfüllen: schicke T-Shirts, Schmuck, ein Handy. Sie brach die Schule ab, Zukunftspläne hat sie keine mehr. «Glücklich war ich früher, jetzt habe ich Geld», sagt sie. >

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