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Amerikas tödlicher Kult um Schusswaffen

Ein Konzert in Las Vegas, ein Nachtclub in Orlando, eine Grundschule in Newton – nach jedem Massaker stellt sich dieselbe Frage: Warum ändert sich eigentlich nichts in Amerika?

Kunden in einem Waffenladen in Fort Worth, Texas.
Kunden in einem Waffenladen in Fort Worth, Texas.
Keystone

1735 Tage, 1516 Schiessereien mit mehr als drei Toten – das ist der blutige Alltag in einem Land, in dem es mehr Waffen als Ein­wohner gibt. In diesem Jahr markierte der Massenmord aus der 32. Etage des Mandalay-Bay-Resorts bereits das 273. Massaker. Es war das zweite im Oktober, das dritte des vergangenen Wochenendes und das elfte der zurück­liegenden Woche.

Massenschiessereien gehören in den USA so sehr zum Alltag, dass sie nur noch dann wahrgenommen werden, wenn sie eine bestimmte Aufmerksamkeitsschwelle überschreiten. Ganz zu schweigen von den individuellen Morden und Selbstmorden, die den grössten Teil der mehr als 32 000 jährlichen Opfer des Waffenkults in den USA ausmachen.

Viele Waffen, viele Opfer

Das Risiko, in den USA durch ei­ne Schusswaffe getötet zu werden, ist rund 16-mal so gross wie in Deutschland (13-mal Österreich, 5-mal Luxemburg, 4-mal Schweiz). Wobei Massenschiessereien ein Phänomen sind, das in den USA besonders verbreitet ist. Obwohl hier weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung lebt, ereignen sich hier fast ein Drittel der Massaker.

Wissenschaftler haben wiederholt den Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und Waffengewalt aufgezeigt. Eine Vergleichsstudie von 130 Untersuchungen in zehn Ländern in der Fachzeitschrift «Epidemiologic Reviews» aus dem vergangenen Jahr belegt, dass Länder mit einem strikteren Waffenrecht geringere Opferzahlen haben.

Genau hier sehen Experten ein Problem, das die Situation in den USA besonders macht: die schiere Menge an Waffen, die sich im Umlauf befindet. Selbst bei einer Regulierung wären noch mehr als 300 Millionen Waffen im Umlauf.

Mehr als die Hälfte aller privaten Schiesseisen befinden sich weltweit in amerikanischem Besitz. Etwa vier von zehn US-Bürgern besitzen eine Waffe. Wobei drei Prozent aller Waffenbesitzer, wie der Täter von Las Vegas, zu den Enthusiasten gehören, die im Schnitt 17 Waffen haben. Hinzu kommt – und auch das ist einzigartig in der westlichen Welt – ein in der Verfassung garantiertes Recht, Waffen zu tragen. Das sogenannte «second amendment» schafft so etwas wie einen individuellen Rechtsanspruch auf alles, was schiesst. Das rechtfertigt den Waffenkult als Abwehrrecht gegen den Staat und beschränkt die Möglichkeiten der Gesetz­geber, regulierend einzugreifen.

Beten statt handeln

Allerdings fehlt auch der politische Wille dazu. Die Satireseite «The Onion» brachte das nach dem «Mandalay-Massaker» so auf den Punkt: «‹Keine Chance, so etwas zu stoppen›, sagt die einzige Nation, wo so etwas regelmässig passiert.» Das entspricht der Reaktion von Präsident Donald Trump, der vom Wirken des «Bösen» spricht und «Gebete» anbietet, aber nichts an den laxen Waffengesetzen ändern will.

Das Weisse Haus möchte nicht einmal über das Thema sprechen. Wie auch die Republikaner im Kongress wenig Neigung zu wirklichen Kontrollen zeigen. Obwohl eine Umfrage nach der anderen zeigt, dass grosse Mehrheiten der Amerikaner für stärkere Regulierungen sind. Das liegt an der mächtigen Waffenlobby, die Amerikas Politik fest in der Hand hält. Die National Rifle Associa­tion (NRA) unterstützte Trump mit 30 Millionen Dollar im Wahlkampf. Im Gegenzug trat dieser nach seiner Wahl als erster Prä­sident bei der Lobby auf und versprach, «ein treuer Freund» im Weissen Haus zu sein.

Angst vor Waffenlobby

Die NRA vertritt fünf Millionen Mitglieder und ist so mächtig, dass sich Abgeordnete im Kongress aus Sorge um ihre Wiederaufstellung bei den Vorwahlen nicht trauen, der Lobby zu widersprechen. Seit dem Massaker an zwanzig Grundschulkindern 2012 in Sandy Hooks scheiterten mehr als hundert Gesetzesvorstösse im Kongress. Darunter das Verbot für Personen, die auf der Terrorbeobachtungsliste stehen, Waffen zu erwerben, lückenlose Personenüberprüfungen etwa beim Verkauf von Magazinen für Schnellfeuergewehre.

Leichtes Spiel für Attentäter

Das letzte grössere Waffengesetz, das der Kongress beschlossen hatte, war ein Bann von Kriegswaffen, 1994, der zehn Jahre später auslief, ohne erneuert zu werden. All das erlaubte dem Schützen von Las Vegas das Kriegsgerät einzukaufen, das er am Sonntag Abend einsetzte.

Die NRA steht selber unter Druck durch noch radikalere Gruppen wie die «Gun Owners of America». Die Konkurrenz auf der Rechten sorgt mit dafür, dass die kleinsten Veränderungen bei den Regulierungen keine Chance haben. Das Argument: Damit beginne die schleichende Einschränkung des Verfassungsrechts.

Opfer will keine Veränderung

Die Schlagzeilen über eine «neue Debatte um den Waffenbesitz in den USA» sind deshalb so vorhersagbar wie deren Ausgang. Die Reaktion des Republikaners Steve Scalise, der selbst eine Schiesserei auf einem Baseballplatz in Washington nur knapp überlebte und nach langer Ab­wesenheit erst vergangene Woche in den Kongress zurückkehrte, erklärt, warum. Das Massaker habe seine Entschlossenheit für den freien Zugang zu Waffen nur gestärkt, erklärte Scalise auf Fox. «Wir sollten das nicht zum Anlass nehmen, eine politische Agenda zu propagieren.»

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