«Chapo Guzmán wird paranoid»

Wie der mächtigste Drogenboss der Welt in einem New Yorker Gefängnis leidet. Und weshalb er ständig Rhinozerosse sieht.

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In die USA ausgeliefert zu werden, ist der nachtschwarze Albtraum jedes lateinamerikanischen Drogenbosses. Plötzlich ist sein Ehrfurcht einflössender Mythos verblasst. Plötzlich sind die scheinbar achtlos vor Richter und Gefängniswärter hingeworfenen Drohungen, die vielsagenden Blicke, die unermessliche Korruptionsmacht, zu stumpfen Waffen geworden. Die Sprache ist fremd, und statt von dienstfertigen Mitgefangenen ist er umgeben von der Einsamkeit eines Hochsicherheitstrakts.

Nicht umsonst hat Pablo Escobar Kolumbien einst mit Feuer und Blut überzogen, so lange, bis die Regierung in die Verfassung schrieb: Kein kolumbianischer Staatsbürger wird an die Justiz fremder Staaten überstellt. Nicht umsonst hat sich Chapo Guzmán nach seiner Verhaftung im Januar 2016 mit allen juristischen Mitteln gegen jene Szenerie gewehrt, die ein Jahr später real wurde: seine letzten Minuten in Mexiko, in einem Gefängnis der Grenzstadt Ciudad Juárez. Die Soldaten, die ihn abholen, der Sicherheitskonvoi, der ihn an die Grenze fährt, die wartenden Beamten der amerikanischen Drogenpolizei DEA. Das Flugzeug, das Richtung Norden abhebt und am 19. Januar 2017 um neun Uhr abends in New York landet.

Der 63-jährige Joaquín Guzmán Loera, wegen seiner Statur von gut einem Meter sechzig Chapo (der Kleine) genannt, hat mit dem Kartell von Sinaloa eines der mächtigsten Verbrechersyndikate geschaffen, das die Welt jemals gesehen hat. Er hat Kokain, Marihuana, Heroin und synthetische Drogen tonnenweise in die USA, nach Europa und in alle Winkel des Planeten geschmuggelt. Er ist für den Tod Tausender Menschen verantwortlich und hat unermessliches Leid über Mexiko gebracht.

23 Stunden täglich in Einzelhaft

Doch was ihm im Metropolitan Correctional Center in Manhattan widerfährt, muss man als Folter bezeichnen: 23 Stunden pro Tag verbringt er in Einzelhaft, in einer fensterlosen Zelle, die vollständig videoüberwacht ist und in der immer das Licht brennt. Eine Stunde täglich darf er auf einem Fitnessfahrrad trainieren und fernsehen. Jeder Kontakt zu anderen Häftlingen, jedwedes Gespräch, sind dem Chef des Sinaloa-Kartells verboten, und selbst seine engsten Familienangehörigen durften ihn monatelang nicht besuchen. Seine junge Ehefrau Emma Coronel Aispuro nicht, und auch nicht die beiden 6-jährigen Zwillingstöchter, die er mit der einstigen Schönheitskönigin hat.

Einer von Guzmáns Anwälten, Eduardo Balazero, hat kürzlich mit einem Reporter der spanischen Zeitung «El País» gesprochen. Laut Balazero geht Guzmán, gekleidet in einen orangefarbenen Gefängnisanzug, stundenlang in seiner Zelle herum wie ein gefangenes Tier. Er werfe sich aufs Bett, starre mit leerem Blick an die Decke, erhebe sich wieder. «Er verliert allmählich das Gedächtnis und wird paranoid», behauptet Balazero, dessen Eltern aus Ecuador in die USA eingewandert sind. «Er wiederholt ständig denselben Satz. Manchmal besprechen wir etwas, und fünfzehn Minuten später hat er es wieder vergessen.» So sei es schwierig, sich auf einen Prozess vorzubereiten, dessen Anklageschrift fast 300’000 Seiten umfasst.

Ein ehemaliger Häftling sagte, das Gefängnis in New York sei schlimmer als das Lager in Guantánamo.

Laut amerikanischen Medien sitzen ein mutmasslicher Kommandant der Terrororganisation al-Qaida sowie ein mutmasslicher Terrorist der somalischen Extremistengruppe Al-Shabaab im selben Trakt wie der Mexikaner. Ein New Yorker Mafiaboss aus der berüchtigten Bonanno-Familie, der mehrere Jahre im Metropolitan Correctional Center verbrachte, bezeichnete die Anstalt als «Folterkammer». Später wurde er in ein bundesstaatliches Hochsicherheitsgefängnis in Colorado verlegt. Seinem Anwalt zufolge sei es ihm vorgekommen «wie ein Fünfsternhotel». Die «New York Times» zitiert einen Häftling, der sowohl in Guantánamo als auch im New Yorker Hochsicherheitsgefängnis einsass. Letzteres sei weitaus schlimmer.

Mehrmals haben Guzmáns Anwälte gegen die harschen Haftbedingungen geklagt, die man in der amerikanischen Gefängnis-Verwaltungssprache SAMs nennt, für «special administrative measures». Die Verteidiger des Mexikaners forderten unter anderem, ein Experte von Amnesty International solle das Gefängnis besuchen und darüber befinden, ob Guzmán gefoltert werde. Der Richter Brian M. Cogan hat fast alle Anträge abgelehnt.

Die strikte Überwachung sei gerechtfertigt, weil Guzmán zweimal aus mexikanischen Hochsicherheitstrakten geflohen sei. Es müsse im legitimen Interesse der US-Regierung verhindert werden, dass der Drogenboss das Sinaloa-Kartell aus dem Gefängnis heraus weiter befehlige, wie er es jeweils in Mexiko getan habe. Dazu sei strenge Isolationshaft unumgänglich. Und ohnehin würden ihm die regelmässigen Besuche seiner Anwälte ermöglichen, der Einsamkeit für Stunden zu entfliehen.

Das Problem mit dem Fitnessfahrrad

Einige von Guzmáns Beschwerden tat der Richter als «läppisch» ab – etwa, dass er vom Fitnessfahrrad aus den Fernseher nicht sehen könne und sich deshalb während der einen Stunde ausserhalb seiner Zelle zwischen Sport und Unterhaltung entscheiden müsse. Oder dass ihm die Wärter ständig dasselbe Tiervideo über das Leben von Rhinozerossen vorspielen würden.

Der Beginn des Prozesses gegen Guzmán vor einem New Yorker Geschworenengericht ist auf den 16. April angesetzt. Doch Balazero, seit Ende des vergangenen Jahres der Hauptanwalt des Capos, hat um einen mehrmonatigen Aufschub gebeten. Sonst reiche ihm die Zeit nicht, um die Verteidigung vorzubereiten. Gegenüber «El País» beklagt sich Balazero auch über seine Arbeitsbedingungen. «Wenn ich Guzmán aufsuche, sitzen wir in einem Zimmerchen von 1,5 auf 1,5 Metern. Es gibt keinen Tisch, um Akten abzulegen, zu schreiben oder einen Computer zu benutzen. Ich muss meinen Laptop auf die Knie legen, um etwas zu notieren, und ich spreche mit Guzmán durch ein Gitter.»

Normalerweise weise ihn ein Klient auf Personen hin, die ihn entlasten oder sonst wie zu seiner Verteidigung beitragen könnten. Guzmán hingegen sei es streng verboten, Drittpersonen zu kontaktieren oder ihnen irgendwelche Botschaften zukommen zu lassen. Im vergangenen Dezember, erzählte Balazero, hätten Guzmáns Zwillingstöchter ihren Vater besuchen dürfen. Als er ihnen zum Abschied «Grüsst mir eure Mutter» sagte, seien die Wärter eingeschritten. Das sei eine Nachricht an eine Drittperson, das dürfe nicht wieder vorkommen.

Noch mehr Blutvergiessen

Im Prozess, der im April oder irgendwann später im Verlauf des Jahres beginnen wird, ist Chapo Guzmán wegen Mordes, organisierter Kriminalität, Drogenschmuggels und Geldwäscherei angeklagt. Er selbst bezeichnet sich als unschuldig. Offen ist, ob ebenfalls in den USA einsitzende Ex-Komplizen gegen ihn aussagen werden, um Strafminderungen oder Hafterleichterungen zu erhalten. Offen ist auch, ob sich Guzmán bereit erklärt, mit der Justiz zusammenzuarbeiten und einstige Gefährten zu verraten. Sicher ist hingegen, was danach in Mexiko passieren wird: Abrechnungen, Rachemorde, noch mehr Blutvergiessen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2018, 21:01 Uhr

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