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Die Predigt zum WochenendeAuf dem Weg nach Emmaus

Die Corona-Krise verleiht dem nachösterlichen Geschehen neue Aktualität, schreibt Edith Zingg, die Leiterin der katholischen Pfarrei Guthirt in Ostermundigen.

Edith Zingg, Leiterin der katholischen Pfarrei Guthirt in Ostermundigen.
Edith Zingg, Leiterin der katholischen Pfarrei Guthirt in Ostermundigen.
Foto: Christian Pfander

Sie stecken mitten in der Katastrophe – ihr Chef und Freund Jesus wurde ermordet. Zwei aus dem Jüngerinnen- und Freundeskreis Jesu ziehen sich zurück. So wird im Evangelium dieses Wochenendes erzählt (Lk 24,1335).

Die beiden ziehen sich zurück in ein Dorf ausserhalb der Stadt, begeben sich nach Hause. Auf dem Weg nach Emmaus sprechen sie über ihre Erfahrungen. Ihr Lebensprojekt, mit Jesus unterwegs zu sein, ist abgesagt. Sie teilen miteinander die Verzweiflung über die unsichere Zukunft, über den Lockdown, den sie in ihrem Leben erfahren.

Da stösst einer zu den beiden, geht mit, fragt nach, hört zu, bringt neue Perspektiven ins Spiel. Überlegungen, dieaus der Erfahrung von früher vielleicht in eine Zukunft führen können. Ins Gespräch vertieft, es geht schon gegen Abend, erreichen sie ihr Ziel. Der Fremde will weitergehen, doch die beiden laden ihn ein, zu bleiben.

Sie versorgen ihn mit einem Dach über dem Kopf, mit einer Mahlzeit. Und beim Brotbrechen erkennen sie Jesus als den Auferstandenen – ihnen gehen die Augen auf, sie nehmen wahr, dass in der Krise, im Unterwegs-Sein, im gemeinsamen Ringen um Deutung und Eröffnen von Zukunftsperspektiven, in der Solidarität etwas Grösseres, Tieferes geschieht. Etwas, was ihr Denken, Fühlen, Handeln übersteigt …

Es ist die Erfahrung von einer Gegenwart, die das Innerste, das Herz, berührt und sie aufbrechen lässt: zurück in den Alltag, in die Stadt, zu den Jüngerinnen und Freunden. Diese haben Ähnliches erlebt. Klingen in dieser 2000 Jahre alten Erzählung nicht Erfahrungen an, die wir heute, in diesen Tagen, machen? Katastrophe, Menschen sterben, Verunsicherung. Wie soll es weitergehen?

Doch da gibt es Telefon 143 und Hotlines, wo Sorgen und Ängste geteilt werden können. Da sind Menschen, die um Strategien ringen zum Wohl von Gefährdeten, um Hygienemassnahmen und Zukunftsperspektiven. Da sind Fachpersonen, die Know-how einsetzen um Leben, Überleben zu ermöglichen.

Wenn es gegen Abend geht, wird Obdach geboten in der Notschlafstelle, Brot beim Offenen Kühlschrank geteilt, und Nachbarinnen und Nachbarn bringen Lebensmittel. Es wird miteinander geholfen, geredet und musiziert – wenn auch auf Distanz.

Im Aushalten des engen Alltags zu Hause, am Tisch, beim Teilen von Brot und Lebenswichtigem, geschieht plötzlich etwas. Vielleicht ist es nur eine Ahnung, vielleicht auch Dankbarkeit, vielleicht eine Spur von Gottes Nähe. Nach Corona gehts nicht zurück in den Alltag wie bisher, sondern mit den neuen Erfahrungen vorwärts in ein Leben, in dem die Achtsamkeit für Gefährdete zum Alltag wird.

Vielleicht ist diese Interpretation naiv. Aber mir berührt es das Herz, was in dieser ausserordentlichen Lage geschieht. Ich will mir die Hoffnung nicht nehmen lassen, dass all das Positive, das sich während dieser Katastrophe ereignet, nicht auch Neues, Wertvolles ins Leben rufen kann und – auch wenn wir es manchmal nicht erkennen können – Gott die Menschen darin begleitet.