Mit bis zu 95 km/h und 58 Jahren auf dem Dreirad

Oberbipp

22 Hundertstelsekunden fehlten Heinz Frei bei den Paralympics in Rio zu einer weiteren Medaille. Ans Aufhören denkt er trotzdem nicht. Nur seine Ziele will er anpassen. Und er ist wieder Berner.

  • loading indicator

«Und immer schön gesund bleiben.» Der Satz zum Abschied fährt einem unter die Haut – gesprochen von Heinz Frei, der seit 38 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist. Der braun gebrannte, topfite Spitzensportler ist eine lebende Legende. Er hat alles gewonnen, was es für einen Rollstuhlsportler zu gewinnen gibt.

Den steilen Weg ins Dorf hin­unter oder von dort herauf fährt man mit dem Auto im zweiten Gang. Kaum ein Nachbar ist hier zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs. Den meisten Fussgängern und Radfahrern geht in der «Räbe» die Puste aus. Für Heinz Frei, der auch schon den Gotthard ­bezwungen hat, ist es bloss «das letzte Högerli» vor der Dusche. Wenn er ein Kraft- oder Bergtraining braucht, dann fährt er über die Schwängimatt und über die Schmiedenmatt zurück.

Der 58-Jährige sieht den steilen Weg zu seinem neuen Heim am Oberbipper Alpenweg als Spiegelbild seines Lebens und als Erfolgsgeheimnis: «Herausforderungen bin ich nie ausgewichen.» Aufgewachsen ist er im flachen Teil Oberbipps. 28 Jahre lebte er dort. Mit 20 stürzte er bei einem Berglauf. Seit diesem Unfall sind zwei Drittel seines Körpers gelähmt. Von einem Tag auf den andern konnte er nicht mehr auf seinen Beinen stehen – er musste sein Leben buchstäblich in die Hände nehmen.

Dann baute er im solothurnischen Etziken ein Haus. Die Zufahrt wurde durch die Gemeinde zum Heinz-Frei-Weg erklärt. Sie erteilte ihm auch das Ehrenbürgerrecht. Es ist ihm daher schwergefallen, dort wegzuziehen. «Das war mit vielen Emotionen verbunden», sagt er. Das Haus in Etziken bewohnt jetzt sein Sohn.

«Wollte wieder schwitzen»

Wenn man am Alpenweg aus dem Fenster schaut, dann kann man den Umzug verstehen: Der Blick schweift über das Dorf, über den Oberaargau, das Mittelland und die Alpen. Zum Zeitpunkt seines Unfalls war Frei Vizeoberturner. Er wollte bei seinen Freunden bleiben, wurde Vereinskassier, hat Tombolas organisiert.

Aber er ging auch ganz einfach weiterhin zweimal pro Woche ins Turnen, trainierte für sich oder machte den Schiedsrichter. «Ich wollte wieder schwitzen und meinen Körper spüren.» Tischtennis, Bogenschiessen oder Basketball reichten ihm als damalige Therapiesportarten nicht.

Es war die Pionierzeit des Behindertensports. Heinz Frei konnte in seinem Beruf als Vermessungszeichner weiterarbeiten. Am Samstagmorgen baute er jeweils zusammen mit Hugo Recher in der Werkstatt der Oberbipper Firma Wartmann an einem Rennrollstuhl. 1984 gewann er damit den ersten je bei Paralympischen Spielen ausgetragenen Marathon.

Und er hat als einziger Athlet alle acht folgenden beendet. Bis Sidney stand ihm auch der langjährige Gemeindepräsident von Wolfisberg, Ueli Leuenberger, regelmässig als Helfer und Betreuer zur Seite. Der Sport machte Frei wieder selbstständig. Er brachte ihm Lebensqualität zurück.

15 Goldmedaillen

Heinz Frei hat die gesamte Entwicklung des Rollstuhlsports nicht nur miterlebt, er hat sie mitgeprägt. Heute kann er seine weitgehend aus Karbon bestehenden Rennmaschinen fertig kaufen. Alle grossen Marathons hat er mehrfach gewonnen. Von 15 Paralympics brachte er 15 Goldmedaillen in drei Sportarten zurück. Dazu kommen 19 Silber- und Bronzemedaillen sowie Titel an Welt- und Europameisterschaften. Zehnmal wurde er zum Schweizer Behindertensportler des Jahres gewählt.

Die bessere Sicht im Handbike

Von Rio ist er kürzlich ohne Medaille nach Hause gekommen. «Mit 46 in Athen ist mir das schon mal passiert, da dachte ich tatsächlich an Rücktritt», lacht er verschmitzt, «aber dann ist es halt wieder gut gelaufen, und ich konnte mich noch einmal qualifizieren.» Als 58-Jähriger wollte er auch in Rio kompetitiv antreten. Mit je einem 4. Rang im Hand­bike-Zeitfahren und im Team ist ihm dies gelungen. Im Rollstuhlmarathon erlitt er einen technischen Defekt und wurde nur 17.

In Peking trat Heinz Frei 2008 erstmals im Handbike an. Er zählte nicht zu den Favoriten und holte trotzdem zweimal Gold. Im Rennrollstuhl sehe er immer nur Asphalt, Grasbüschel und Dohlendeckel. «Auf dem Rücken liegend im Handbike fährt es sich bequemer, und die gleichen Strecken sehen viel schöner aus.»

Bei einem Marathon im Handbike ist er nun mit durchschnittlich über 40 statt mit gut 30 Stundenkilometern im Rollstuhl unterwegs. In Abfahrten hatte er schon bis zu 95 km/h auf dem Tacho. Gebremst wird nur am Vorderrad. Stürze sind selten, können aber passieren. Nicht viele Athleten schaffen den Umstieg vom Rollstuhl zum Handbike.

Und keiner ist in beiden Sparten so erfolgreich wie Frei. «Auf dem Hand­bike mache ich die fehlende Kraft mit einer grösseren Kadenz wett», verrät er. Tempomässig kann er durchaus mit gesunden Velofahrern mithalten. Im Training begleitet ihn oft seine Frau Rita auf dem Rennvelo.

2012 gelang ihm in London die Titelverteidigung. Die dortige Goldmedaille im Handbike bezeichnet Frei als die wohl emotionalste. «Im fortgeschrittenen Alter erzielte Medaillen gewinnen an Bedeutung, weil sie nicht mehr erwartet werden können», sagte er anschliessend. Viele glaubten, er würde jetzt vom Spitzensport zurücktreten.

«Es wäre sicher ein idealer Zeitpunkt gewesen», so der Oberbipper heute, «aber ich brauche den Sport, ich kann nicht aufhören. Die erste Trainingsstunde betrachte ich jeden Tag als Investition für das Alter.» Und es sind nach wie vor zwei bis vier Stunden pro Tag. Nicht mehr strukturiert nach Plan, sondern intuitiv. Von Rücktritt spricht Heinz Frei auch jetzt noch nicht. Er will bloss seine Ziele etwas tiefer ansetzen.

«Gesundheit ist mein Kapital»

Eben erst kam er von seinem 31. Berlin-Marathon zurück. Zwanzigmal in Folge hatte er diesen gewonnen. Diesmal wurde er Fünfter, drei Sekunden hinter dem Sieger. Er betrachtet dies als Rehabilitation für Rio. Obwohl: Beweisen muss er längst nichts mehr. Heinz Frei ist nicht nur Athlet, sondern stets auch Botschafter – wohl wissend, dass er von den Verbesserungen, die er überall anstösst, selber kaum mehr profitieren wird.

Zugleich ist er das Vorbild vieler: selbst für David Weir, der 2012 als Held von London viermal Gold gewann. «Früher fragten die Konkurrenten, wann ich endlich aufhöre, damit sie auch mal gewinnen könnten», lacht Heinz Frei, «heute fragen sie, wie lange ich noch fahre, weil sie mich zumindest einmal bezwingen wollen.»

Bald wird er nach Japan fliegen, um in Oita einen weiteren Marathon zu bestreiten. Dort hat er 1999 seinen immer noch gültigen Weltrekord von 1:20:14 aufgestellt. Auch in Oita ist Heinz Frei Ehrenbürger und bekommt deshalb die beste Suite im Hotel. Dass er auf Rädern weit mehr Marathons bestreitet als jeder gesunde Spitzenläufer, erklärt Frei so: «Die körperliche Belastung ist nicht die gleiche. Man muss uns eher mit den Radrennfahrern vergleichen, und die starten auch häufiger als die Läufer.»

Als Entwicklungshelfer hat er bereits den Monobob, der 2022 paralympisch werden soll, den Eiskanal von St. Moritz hinuntergesteuert. Und an den Winter­paralympics ist er im Langlauf ­gestartet. Im März hat er den 90 Kilometer langen Wasa-Lauf bestritten. Ein erneuter Wechsel der Sportart sei nicht geplant, sagt Heinz Frei: «Ich werde jedoch zweifellos weiter Sport treiben – die Gesundheit ist mein grösstes Kapital.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt