Verloren und nicht abgeholt

Wer eine gefundene Sache abgibt, wundert sich, wie viele Gegenstände im Fundbüro vergeblich auf ihre Besitzer warten. Wissen die Leute heute gar nicht mehr, dass es solche Büros gibt – oder verlagert sich die Vermittlung von Fundsachen ins Internet?

Gute Bilanz: Das Fundbüro der Stadt Bern – hier Sektionsleiter Stefan Walther – ist eines der wenigen Büros, die nicht auf den meisten Fundsachen sitzen bleiben.

Gute Bilanz: Das Fundbüro der Stadt Bern – hier Sektionsleiter Stefan Walther – ist eines der wenigen Büros, die nicht auf den meisten Fundsachen sitzen bleiben.

(Bild: Andreas Blatter)

Es war an einem Freitagnachmittag Ende März, als Aischa Ben­kirane * in Urtenen-Schönbühl einen Schlüsselbund fand. Die Frau stammt aus Marokko, einem Land, in dem es keine Fundbüros gibt.

Wer etwas auf der Strasse findet, betrachtet den Gegenstand als «Geschenk des Himmels». Die Finderin lebt aber genügend lang in der Schweiz, um zu wissen, was hierzulande Gesetz und Moral in einem solchen Fall vorsehen.

«Die gibt doch niemand ab»

Weil das Fundbüro bereits geschlossen war, brachte die Marokkanerin die Schlüssel vorerst zur Polizei (von dort kamen sie später dann ins Fundbüro). Nach fast zehn Tagen klingelte es unverhofft an ihrer Türe: Ilhan Oeztürk * stand mit einer Schachtel Pralinen vor der Tür, um sich bei der Finderin zu bedanken.

Eine Woche lang hatte er alle Strassen abgesucht in der Hoffnung, seine Schlüssel wiederzufinden. Hatte er denn nicht gewusst, dass es ein Fundbüro gibt? Doch, aber er sei davon ausgegangen, dass ohnehin niemand die Schlüssel abgeben würde.

Sind Fundbüros zu wenig bekannt? Wird heute vieles nicht mehr abgegeben, was andere verloren haben? Erkundigen sich umgekehrt die Eigentümer von verlorenen Gegenständen nicht mehr bei den zuständigen Behörden? Diesen Eindruck gewann jedenfalls Johanna Blumenthal *, nachdem sie einen Ehering gefunden hatte. Diesen gab sie auf dem Fundbüro ab. Und weil sich niemand nach dem Ring erkundigte, erhielt sie ein Jahr später eine Abholungseinladung. Der Mann am Schalter entnahm den Ring einem riesigen Metallreif, an dem Hunderte von Ehe- und anderen Ringen aufgereiht waren. Alle warten seit Monaten vergeblich auf ihre Eigentümer.

Gesellschaftliches Phänomen

Dass selbst wertvolle Gegenstände nicht abgeholt werden, stellen alle Fundbüros fest. Rolf Meyer von den Verkehrsbetrieben Bern (Bernmobil) sieht dahinter nicht zuletzt ein gesellschaftliches Phänomen: Während früher eine Anschaffung oft für ein halbes Leben reichen musste, würden Gebrauchsgegenstände heute generell viel schneller ersetzt. Es könne deshalb sein, dass sich jemand sage: «Ich habe es verloren, so kaufe ich mir etwas Neues.» Einzelne Personen könnten ausserdem in Versuchung geraten, den verlorenen Gegenstand bei der Versicherung als «gestohlen» zu melden, um auf diese Weise in krimineller Weise abzukassieren.

In Urtenen-Schönbühl wurden im vergangenen Jahr nur knapp 18 Prozent der gefundenen Gegenstände von den Eigentümern abgeholt (Im Jahr 2015 ­waren es sogar nur 13 Prozent). Umgekehrt wurden 2016 bei 28 Verlustmeldungen nur 2 Gegenstände wiedergefunden (2015: 3 wiedergefundene Objekte bei 45 Verlustmeldungen). Besser sieht die Bilanz beim Fundbüro der Stadt Bern aus: Sektionsleiter Stefan Walther schätzt, dass 40 bis 50 Prozent der gefundenen Gegenstände den Eigentümern zurückgegeben werden können. Auch die SBB geben an, dass mehr als die Hälfte der verlorenen Gegenstände ihre Eigentümer wiederfinden; bei Portemonnaies betrage die Erfolgsquote sogar über 80 Prozent.

Vieles bleibt liegen

Trotz dieser Ausnahmen: Viele Fundgegenstände bleiben bei den Fundbüros liegen. Was geschieht damit? Gemäss Schweizerischem Zivilgesetzbuch beträgt die Aufbewahrungspflicht fünf Jahre. In der Praxis wird jedoch ein Gegenstand kaum länger als ein paar Monate oder allenfalls ein Jahr aufbewahrt, bevor die Fundsache dem Finder zurückgegeben, verwertet oder vernichtet wird. Meldet sich der Eigentümer innert fünf Jahren doch noch und wurde das Objekt mittlerweile verkauft, hat er Anspruch auf den erzielten Erlös.

Ehrliche Finder werden in der Regel nach einem Jahr benachrichtigt, dass sie das «herrenlose Gut» im Fundbüro abholen dürfen. Kleider, die im städtischen Fundbüro liegen bleiben, werden jeweils nach Neujahr an Hilfswerke abgegeben. Alles andere wird alle zwei Jahre im Rahmen eines amtlich publizierten Rampenverkaufs abgestossen. Bei den SBB werden die Gegenstände drei bis sechs Monate aufbewahrt, danach gehen sie an das Zürcher Unternehmen Fund­sachenverkauf.ch, mit dem die Bundesbahnen zusammenar­beiten.

Polizei sucht «Jasmin»

Fundbüros sind also noch nicht gänzlich aus der Mode gekommen, ein grosser Teil der verlorenen Gegenstände aber wird nicht abgegeben und ein ebenso grosser Teil von den Eigentümern nicht abgeholt. Das mag teilweise daran liegen, dass Zuwanderer nicht wissen, dass es solche Institutionen gibt. Das Fundbüro der Stadt Bern organisiert deshalb regelmässig Informationsveranstaltungen für solche Stellen, die mit Migrantinnen und Migranten arbeiten.

In Zeiten der Onlinemedien ist jedoch auch die Tendenz festzustellen, dass Fundgegenstände beispielsweise auf Facebook präsentiert werden – mit der Absicht, die Eigentümer auf diesem Weg zu ermitteln. Das indes entspricht nicht dem Gesetz. Gemäss Zivilgesetzbuch ist jeder Finder verpflichtet, einen Fund im Wert von über 10 Franken der zuständigen Behörde oder der Polizei zu melden und abzu­geben.

Kurios mutet deshalb auch das Beispiel von «20 Minuten» an: Die Pendlerzeitung veröffentlichte kürzlich einen bebilderten Artikel mit dem Titel «Wer hat diesen Ehering verloren?» – eine Frau hatte den Ring mit der ­Gravur «Jasmin, 2. 5. 2009» gefunden. Mithilfe der Thurgauer Kantonspolizei sucht die Zeitung nun nach dem Ehemann von «Jasmin». Nicht auszudenken, wie die Medienwelt aussähe, wenn für jeden gefundenen Ring ein eigener Artikel publiziert würde . . .

* Alle Namen von der Redaktion ­geändert.

Berner Zeitung

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