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Steven Bradbury bei Olympia 2002Als selbst der grösste Pechvogel einmal Glück hatte

Es gibt wahre Geschichten, die kein Bestsellerautor besser erfinden könnte. Zum Beispiel jene vom Leidensweg und Triumph des Australiers Steven Bradbury.

Die Entscheidende Phase des 1000-Meter-Finals: Die Ereignisse überschlagen sich.
Video: Olympic Channel via YouTube

Steven Bradbury hat keine Chance in diesem Shorttrack-Olympiafinal über 1000 Meter. Das weiss der Australier selber. Obwohl er an diesem 16. Februar 2002 erst 28-jährig ist, liegt die beste Zeit weit hinter ihm. Das Glück war ihm selten hold, gerade an Olympischen Spielen. Und zweimal hatte er in seiner Karriere sogar grausames Pech, geriet er doch schuldlos in Lebensgefahr.

1995 wurde Bradbury an einem Weltcuprennen in Montreal von einem stürzenden Konkurrenten mit dem Schlittschuh dermassen hart getroffen, dass die Kufe den ganzen rechten Oberschenkel durchtrennte. Der Australier lag auf dem Eis, und der hohe Puls pumpte rasant Blut aus seinem Körper. In einem Interview mit dem Magazin «TV Week» schilderte er den Moment später so: «Ich sagte mir: ‹Wenn du das Bewusstsein verlierst, wirst du sterben.› Ich schloss einen Pakt mit mir, denn ich war noch nicht bereit, zu gehen.» Bradbury überlebte, obwohl er rund vier Liter Blut verlor. Die Muskeln im Oberschenkel waren durchtrennt, die Wunde wurde mit über 100 Stichen genäht. Doch er kämpfte sich zurück an die Weltspitze.

Obwohl er 1991 als 17-Jähriger in der 5000-Meter-Staffel zum ersten australischen WM-Gold in einer Wintersportart überhaupt beigetragen hatte, war er 1992 an den Winterspielen in Albertville nur Ersatzmann und musste zuschauen, wie seine Kollegen im Halbfinal stürzten. 1994 in Lillehammer war Bradbury Teil des Staffelteams, das für die erste australische Medaille an Olympischen Winterspielen (Bronze) sorgte, im Individualrennen über 1000 Meter wurde er, als einer der Favoriten gestartet, im Halbfinal von einem anderen Läufer «abgeschossen». Auch 1998 in Nagano blieb ihm, erneut als Medaillenanwärter angetreten, ein Erfolgserlebnis versagt.

Eine Stütze wie ein Foltergerät

Im September 2000 schien seine Karriere definitiv vorbei zu sein. Im Training stürzte vor ihm ein anderer Läufer, der Australier wollte über diesen springen, doch er touchierte ihn und flog kopfvoran in die Abschrankung. Er hätte tot oder zumindest gelähmt sein können. Der Shorttracker brach sich beim üblen Unfall den vierten und den fünften Halswirbel. Fast zwei Monate musste er dann eine mit vier Schrauben am Schädel befestige Halo-Stütze tragen, die an ein mittelalterliches Foltergerät erinnert. Einmal mehr rappelte sich Bradbury auf – und qualifizierte sich für die Olympischen Spiele in Salt Lake City.

Er kann es selber nicht glauben: Steven Bradbury überquert als Erster die Ziellinie, während Topfavorit Apolo Anton Ohno am Boden liegt.
Er kann es selber nicht glauben: Steven Bradbury überquert als Erster die Ziellinie, während Topfavorit Apolo Anton Ohno am Boden liegt.
Foto: Gero Breloer (Keystone)

Aber eben, als Bradbury in der Mormonenstadt antritt, erreicht er längst nicht mehr die Leistungsfähigkeit früherer Tage. Er gehört nicht mehr zu den Favoriten, sondern zur Kategorie «ferner liefen». Und doch steht er an diesem denkwürdigen Abend im Salt Lake Ice Center – in dieser Arena sorgen gewöhnlich die Utah Jazz mit dem kongenialen Basketballduo Karl Malone/John Stockton für Stimmung – an der Startlinie, als der Startschuss für den 1000-Meter-Final ertönt. Den Endlauf erreichte er nur, weil im Halbfinal zwei Konkurrenten stürzten und ein weiterer Läufer aus der Rangliste gestrichen wurde. Und in der Runde zuvor hatte dem 28-Jährigen erst die Disqualifikation des späteren 500-m-Olympiasiegers Marc Gagnon das Weiterkommen ermöglicht.

Steven Bradbury hat gegen die hochkarätige Konkurrenz keine Chance. Und weil er dies selber weiss, versucht er gar nicht erst, vorne mitzulaufen. Die vier Medaillenkandidaten liefern sich ein packendes Kopf-an-Kopf-an-Kopf-an-Kopf-Rennen, während der Australier mit zunehmendem Rückstand allein übers Eis gleitet. Die meisten der rund 15’000 Zuschauer sind gekommen, um Apolo Anton Ohno siegen zu sehen. Als dieser in der drittletzten Runde in Führung geht, schallen «USA, USA»-Rufe durch die Arena. Doch plötzlich wird es ganz still.

«Do a Bradbury» wird zur Redewendung

Denn in der allerletzten Kurve löst der Chinese Li Jiajun eine Massenkarambolage aus. Die vier Mitglieder der Spitzengruppe kommen alle zu Fall – wie Dominosteine. Ohno prallt in die Bande, dreht sich rasch und rutscht über die Ziellinie, allerdings erst nach Bradbury, der nur verhalten jubelt. Ohnos Oberschenkel muss mit sechs Stichen genäht werden. Trotzdem gewinnt er ein paar Tage später über 1500 Meter Gold, allerdings nach einer umstrittenen Disqualifikation des Südkoreaners Kim Dong-sung.

Doch dieser Abend gehört Steven Bradbury, der vom Pechvogel zum wohl grössten Glückspilz in der Olympiageschichte mutiert ist. «Ich war heute nicht der schnellste Läufer auf dem Eis und nicht der Typ, der den Sieg am meisten verdiente. Ich hatte viel Glück auf meiner Seite», sagt er ehrlich. Aber er habe zuvor mehrmals Pech gehabt und werte den Sieg als Belohnung für über zehn Jahre harte Arbeit.

Grosse Ehre: Nur vier Tage nach seinem Olympiasieg gab die australische Post eine Briefmarke mit Steven Bradburys Konterfei heraus.
Grosse Ehre: Nur vier Tage nach seinem Olympiasieg gab die australische Post eine Briefmarke mit Steven Bradburys Konterfei heraus.
Foto: Keystone

Steven Bradbury ist an Winterspielen der erste Olympiasieger aus der südlichen Hemisphäre. Diverse US-Journalisten finden dies, weil es auf Kosten Ohnos passiert ist, nicht allzu lustig. In der «USA Today» zum Beispiel steht, Bradbury habe ausgesehen «wie eine Schildkröte hinter vier Hasen». In der Heimat hingegen bekommt er Heldenstatus; nur vier Tage nach dem ungewöhnlichen Triumph veröffentlicht die australische Post eine 45-Cent-Briefmarke, die Bradbury mit der Goldmedaille zeigt. «Do a Bradbury» wird derweil zur Redewendung, die sich bis heute hält. «Wenn ein Aussenseiter trotz aller Widrigkeiten von hinten kommt, um einen unerwarteten Sieg zu erringen, normalerweise aufgrund von Glück oder eines Glückselements», lautet die Definition in einem australischen Slang-Wörterbuch.

Der heute 47-Jährige hat ein Buch mit dem Titel «Last Man Standing» geschrieben. Und nun wird unter demselben Titel sein Leben verfilmt. Es ist fürwahr eine spektakuläre Geschichte.

3 Kommentare
    Andi Oberholzer

    Never give up - es könnte sich lohnen.