Was für ein Wahnsinn, was für ein Verlust

Beim Brand der Notre-Dame wurde ein zentrales Symbol abendländischer Kultur zerstört.

Das Feuer hat nicht nur ein Loch ins Herz der Stadt Paris gerissen. Foto: Keystone

Das Feuer hat nicht nur ein Loch ins Herz der Stadt Paris gerissen. Foto: Keystone

Christoph Heim@bazonline

Was für ein Wahnsinn, was für ein Verlust! Man denke nur an die beschädigte prachtvolle Fensterrosette aus dem 13. Jahrhundert, die knapp 13 Meter im Durchmesser hat. In ihr verbanden sich Schönheit und Religiosität auf atemberaubende Weise.

Man denke an das Gefühl beim Betreten dieses gotischen Wunderwerks, das kraft seiner grossartigen Architektur einen als Besucher auf geradezu magische Weise emporzuheben schien. Die Notre-Dame von Paris, dieser Stein gewordene Traum, hat uns bei jedem Besuch von neuem in ein fassungsloses Staunen versetzt.

Das Feuer in der Nacht von Montag auf Dienstag hat nicht nur ein Loch in das Herz der Stadt Paris gerissen, deren wichtigste Kathedrale die Notre-Dame zweifellos war und hoffentlich bald wieder sein wird. Das Inferno hat uns Menschen überdies in einer Weise heimatlos gemacht, wie wir das vielleicht nur beim Angriff auf die beiden Türme des World Trade Center in New York erlebt haben.

Die Notre-Dame steht für eine Kultur, die Vorbildcharakter hat für Europa und die Welt.

Immer und immer wieder gingen uns beim Betrachten der Bilder aus Paris jene vom 11. September 2001 aus New York durch den Kopf. Mediengeschichtlich vielleicht von Bedeutung: Damals verfolgten wir die Katastrophe vor dem Fernseher, jetzt auf dem iPhone en miniature. Beides in Echtzeit. Beide Ereignisse liessen uns nicht mehr los. Der anfänglich noch taghelle, dann nächtliche Himmel, die fallende Turmspitze, die Rauchwolken, die Wasserwerfer, die vergeblich gegen die Flammen anzukämpfen versuchen.

Die Unterschiede sind offensichtlich. Während in New York ein mit gekaperten Flugzeugen geführter Angriff auf eine von den USA dominierte Weltherrschaft ausgeführt wurde, der Tausende von Menschenleben forderte, ging in Paris gewissermassen der Kern unseres kulturellen Selbstverständnisses in Flammen auf. Während in New York die Angreifer aus dem Zentrum des islamistischen Terrors stammten, die in der grössten Stadt der USA ihren Krieg der Kulturen ausfochten, gibt es in Paris keinen Angreifer und insofern – jedenfalls nach den vorläufigen Befunden – auch keine Schuldigen.

Mindestens keine, die politisch instrumentalisierbar wären. Auch wenn das gewissen Hetzern auf Twitter, die sich angesichts des Brandes sofort zu Wort gemeldet haben, noch so sehr zupasskommen würde. Die Ursache ist nach dem heutigen Stand der Erkenntnis ein banaler Funke, der bei Renovationsarbeiten im hölzernen Dachstock zu einem unkontrollierten Flammenmeer wurde.

Die Kathedrale von Notre-Dame blickt auf eine über achthundertjährige Geschichte zurück. Sie hat Kriegen und Revolutionen standgehalten. Sie wurde als Weinlager genutzt, und viele ihrer Statuen wurden zerstört. In ihr liess sich Napoleon Bonaparte zum Kaiser krönen. Sie überstand mit Würde eine nicht gerade subtile Renovation im 19. Jahrhundert, die der berühmt-berüchtigte Architekt Eugène Viollet-le-Duc durchgeführt hatte. Und sie war bis zum Montag einer der grössten Magnete für Touristen, die durch ihr massenhaftes Erscheinen diese Kirche in einer Weise säkularisierten, ja entweihten, wie das nur selten der Fall ist.

Die Notre-Dame von Paris war und ist trotz allem das Symbol für ein Frankreich, das in architektonischer, kultureller und religiöser Hinsicht für die Entwicklung nicht nur Europas, sondern der ganzen Welt Vorbildcharakter hatte und immer noch hat. Sie steht dank ihres Alters auch für die Kontinuität einer kulturellen Entwicklung, die im frühen Mittelalter ihren Anfang nahm. Und das soll nun plötzlich zu Ende sein? Jedenfalls hat die Kathedrale im Feuersturm nun buchstäblich jenes Dach verloren, das uns Schutz versprochen hatte.

Ein Trost, dass die Seitenwände und die beiden Türme der Notre-Dame nicht auch noch von den Flammen zerstört worden sind – und die Fensterrosette erhalten blieb. Darauf lässt sich aufbauen. Wie ein Phönix aus der Asche soll sie wieder erstehen, die gotische Kathedrale auf der Île de la Cité, die im Moment ihrer Zerstörung zum Symbol der christlich-abend­ländischen Kultur geworden ist.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt