Der beste Stabhochspringer aller Zeiten

Markus Somm über die neuste Variante einer Klassengesellschaft.

Markus Somm@tamedia

Als Thomas Kimmel erfuhr, dass er als ein ausserordentlich begabter Stabhochspringer galt und man ihn deswegen an der University of Southern California zum Studium zugelassen hatte, war er schon etwas erstaunt. «Das muss ein Fehler sein», dachte er sich, denn nie im Leben hatte ihn Stabhochsprung interessiert, noch hatte er je an einem Wettkampf teilgenommen. Trotzdem war er als einer der besten Stabhochspringer Kaliforniens vorgemerkt. Irritiert wandte er sich an seine Mutter, Elisabeth Kimmel, die ihn natürlich im Glauben bestärkte, es handelte sich um einen Irrtum. Kaum war er weg, rief sie William «Rick» Singer an, den Berater, der ihrem Sohn den Weg ins College gebahnt hatte, ohne dass der davon wusste. Panik lag in der Luft: «Also bleibt das jetzt an ihm hängen?» «Ich habe keine ­Ahnung», entgegnete Singer, und mit einer bemerkens­werten Gelassenheit gelang es ihm, die nervöse Mutter zu beruhigen. «Das spielt alles keine Rolle.»

Nervös war Elisabeth Kimmel mit gutem Grund. Insgesamt hatte die Frau, die eine Medienfirma besass, 475'000 Dollar an Singer überwiesen, damit dieser ihre Kinder an einer Spitzenuniversität unterbrachte, obwohl die Noten dafür bei weitem nicht ausreichten. In Thomas’ Fall genügte es, eine Sportchefin des College zu bestechen. Singer war der Experte, von dem sich manche reiche Familie, die sich um die Zukunft ihrer unbegabten Kinder sorgte, ein Wunder versprach – und Singer schmierte, Singer fälschte, Singer lieferte fast immer. Ein Studienplatz in Yale? 1,2 Millionen Dollar – und Singers Maschine des Betrugs begann zu rattern. «It’s the homerun of homeruns» – Es ist das Heimspiel der Heimspiele, sagte er zu Gordon Caplan, einem bekannten Wirtschaftsanwalt in New York, der seine Dienste in Anspruch nahm. «Und es funktioniert?», fragte Caplan. «Immer!», lachte Singer – und der Anwalt lachte zurück.

Diese Woche wurde Caplan angeklagt. Als er mit Singer telefonierte, war dieser verdrahtet, und das FBI hörte mit. Genauso hatte die Polizei das Gespräch mit Elisabeth ­Kimmel aufgezeichnet. Inzwischen ist er geständig, und es zeichnet sich ab, dass mit ihm einer der originellsten und kaltblütigsten Betrüger der amerikanischen Bildungsgeschichte aufgeflogen ist. Dutzende von Eltern haben sich ihm anvertraut, Hollywood–Schauspieler, Manager, Anwälte – insgesamt eine hochnotpeinliche Angelegenheit, weil sie zeigt, wozu erfolgreiche Eltern fähig sind, wenn es um ihre weniger erfolgreichen Kinder geht. Dass sie dabei kaum Gewissensbisse plagten, verriet Caplan im Gespräch mit Singer: «Das moralische Problem stört mich nicht», sagte er, ein Jurist, dem das Konzept von gerecht und ungerecht ziemlich vertraut sein dürfte.

Peinlich, aber auch politisch von allergrösstem Belang, da von neuem zutage trat, wie ungleich Amerika geworden ist. «Das System ist korrupt», hatte Präsident Trump als Kandidat gesagt, obschon er selber zu dessen Nutzniessern zählt, dennoch gaben ihm viele der Verlierer ihre Stimme, weil der Milliardär aussprach, was sie seit langem empfanden. Amerika ist nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten für alle – sondern allein für jene, die klug oder reich genug sind, an einem der besten Colleges unterzukommen. Harvard, Yale, Princeton, Stanford. Selten war es möglich, eine Klassengesellschaft in so wenigen Namen auszudrücken. Umso verzweifelter bemühen sich jene, die schon oben sind, dass auch ihre Kinder oben bleiben, weshalb es kaum ein Thema gibt, das in diesen Familien mehr zu reden gibt als die Frage, in welches College der Sohn oder die Tochter kommt. Monatelang sind die Kinder damit beschäftigt, sich für eine Universität zu bewerben, und monatelang tun die Eltern alles, was in ihrer Macht steht, um zu helfen. Notfalls – so zeigt der Fall Singer – schrecken sie vor nichts zurück. Es ist fatal. Was einst als Inbegriff der Meritokratie galt: Bildung für alle und freie Bahn dem Tüchtigen ist zu einem Irrlauf in einem Labyrinth verkommen, aus dem nur jene sich ­retten, deren Eltern das Labyrinth schon kennen.

Um zu belegen, dass ein Student ein vielversprechender Athlet war, liess Singer auch Fotos fälschen: Einem muskulösen Körper eines Sportlers wurde dabei der Kopf des Studenten aufgesetzt, der sich bewarb. Im Dossier von ­Thomas Kimmel lag ein Bild, das ihn zeigt, wie er gerade eine Höhe von vielleicht sechs Metern überwindet. Mit Kraft, mit Eleganz. Wirklich ein sehr guter Stabhochspringer.

SonntagsZeitung

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