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Messi vs Barcelona790 Zeichen Vendetta

Kurz vor dem Ligastart macht Lionel Messi seinem Ärger über den Verkauf seines Freundes Luis Suárez Luft – und setzt damit den FC Barcelona erneut in Flammen.

Schon wieder schwer enttäuscht von seinem Club: Lionel Messi.
Schon wieder schwer enttäuscht von seinem Club: Lionel Messi.
Foto: Alex Caparros (Getty Images)

Am Freitag war Lionel Messi, 33, nach mehrtägiger Abwesenheit wieder auf den Titelseiten der Sportzeitungen Barcelonas zu sehen, als Randfigur, nicht als Protagonist. Zusammen mit den stellvertretenden Barça-Captains wie Sergi Busquets oder Gerard Piqué posierte er mit Luis Suárez, seinem Freund und bisherigen Nachbarn im Küstenvorort Castelldefels, und den dreizehn Pokalen, die der am Donnerstag unter Tränen verabschiedete Urguayer in sechs Jahren gewonnen hatte, auf dem Rasen des Camp Nou.

Am Freitagmittag konnte kein Zweifel mehr daran bestehen, dass Messi die Titelseiten des Samstags kapern würde. Denn 21 Tage nach seiner Ankündigung, widerwillig in Barcelona zu bleiben, schlüpfte Messi in ein Rächerkostüm – und setzte in einem Sozialnetzwerk einen Post aus 790 Zeichen zum Suárez-Abschied ab, die den Club vor dem verspäteten Start in die Saison am Sonntag gegen Villarreal neuerlich in den Grundfesten erschüttern. Zugleich sind sie wohl nur Vorbote einer absehbar turbulenten Saison.

Er habe sich schon an den Gedanken gewöhnt gehabt, dass Suárez gehen würde, schrieb Messi, «aber erst, als ich heute in die Kabine kam, ist der Groschen wirklich gefallen». Es werde schwer werden, den Alltag nicht mehr mit Luis Suárez zu teilen, sowohl auf dem Rasen als auch privat, schrieb Messi, «es waren viele gemeinsame Jahre, viele Matetees, Mittag- und Abendessen». Mindestens ebenso peinigend sei es, Suárez künftig im Trikot von Atlético Madrid zu sehen, am Freitag probierte es der Mittelstürmer erstmals an.

«Wir sind an einem Punkt, an dem mich schon lange nichts mehr überrascht»

Vor allem aber liess Messi seiner Verärgerung über den Abschied des Uruguayers freien Lauf. Der Subtext glich der Stimmung bei einer Saloon-Schiesserei im Wilden Westen: «Du hast es verdient, dass ich dich als das verabschiede, was du bist: einer der wichtigsten Spieler der Geschichte des Clubs – und nicht, dass sie dich rauswerfen. Aber ehrlich gesagt: Wir sind an einem Punkt, an dem mich schon lange nichts mehr überrascht», so Messi. Er hätte das noch mit Grüssen an den Clubpräsidenten Josep Maria Bartomeu garnieren können. Doch das hätte wohl den Tatbestand der Tautologie erfüllt. Man verstand auch so deutlich genug, wen er meinte.

Suaréz postete seine Antwort einige Stunden später: «Danke, Amigo», und dann eine Aufforderung: «Zeig weiter, dass du nicht umsonst die Nummer eins bist.» Niemand solle einen «Schatten darauf werfen, dass du ein Gigant bist». Auch wenn es zuletzt still um Messi geworden war: Es war damit zu rechnen, dass er gegen die Zerschlagung seines heimischen Ökosystems aufbegehrt. Seine besten Kabinenkollegen, Suárez und der Chilene Arturo Vidal, wurden abgefunden und an Inter Mailand beziehungsweise Atlético verschenkt. Übrig bleibt nur noch Jordi Alba. Bei Nettobezügen von angeblich mehr als zwölf Millionen jährlich bis 2024 war an Abfindungsverhandlungen mit ihm nicht zu denken. Doch ob er Messi Stütze genug ist? Jetzt, da jener monatelang im Zentrum des Interesses stehen wird?

Kurzfristig ist das so, weil alle Welt gespannt ist, wie sich Messis Zerwürfnis mit der Vereinsführung auf seine Leistung auswirkt. Ob er gut spielt oder schlecht?

Mittel- und langfristig ist der Fall Messi spannend, weil sein Vertrag im Sommer 2021 ausläuft und er noch nicht erklärt hat, was er dann zu tun gedenkt. Fakt ist: Er kann ab Januar frei über einen ablösefreien Wechsel verhandeln und damit den Verein, der gerade seine Freunde wegrationalisiert hat, quälen. Die grösstmögliche Folter für Barça wäre, Gerüchte über das Interesse von Barças Erzrivale Real Madrid an Messi wabern zu lassen – oder gar zu befeuern. Jenseits dessen dürfte Messi das Zünglein an der Waage der Präsidentschaftswahlen werden. Sie sind aktuell für März vorgesehen, aber das von der Clubopposition angestrengte Misstrauensvotum gegen Bartomeu hat grossen Zuspruch erhalten. Noch ist die Prüfung der mehr als 20'000 Unterschriften, die gesammelt wurden, nicht abgeschlossen; sollten aber, wovon auszugehen ist, mehr als 16'500 gültig sein, müsste ein Referendum unter den Mitgliedern angesetzt werden. Eine Zweidrittelmehrheit würde zu einem Regierungswechsel bei Barça führen.

Suárez soll ersetzt werden – aber wie?

Das hiesse, dass der gerade installierte Trainer Ronald Koeman vor ungewissen Zeiten stehen würde. Denn: Präsidentschaftskandidaten kommen stets mit einem Coach ihrer Wahl unterm Arm daher. Der Unternehmer Víctor Font, der das Amt anstrebt, hat etwa versprochen, im Falle eines Sieges die Clublegende Xavi Hernández (derzeit Trainer in Katar) auf die Trainerbank zu setzen. Und die Trainerfrage dürfte auch bei Messis Zukunftsüberlegungen eine Schlüsselrolle spielen.

Argumente dafür, dass er bleibt, gibt es. Messi wird kommenden Sommer bereits 34 Jahre alt, ob er anderswo die Summe aufrufen könnte, die er bei Barça verdient, ist fraglich. Sein Nettojahresgehalt liegt jenseits der 50 Millionen Euro. Und eine Gewissheit hat er: Es gibt keinen Präsidentschaftskandidaten, der Messis Verbleib nicht ins Wahlprogramm schreibt – obwohl es eine relevante Gruppe an Mitgliedern gibt, die ihm den Versuch krummnehmen, einen Abschied per «burofax» zu erzwingen. Die Kardinalfrage für Messi aber ist wohl, ob sich das Team unter Koeman als wettbewerbsfähig erweist.

Memphis Depay: Blickt er einer Zukunft bei Barcelona entgegen? Noch steht der Niederländer bei Lyon unter Vertrag.
Memphis Depay: Blickt er einer Zukunft bei Barcelona entgegen? Noch steht der Niederländer bei Lyon unter Vertrag.
Foto: Anthony Dibon (Getty Images)

Dies ist auch eine Frage des Personals. Suárez soll ersetzt werden, aber das gestaltet sich schwierig. Der Noteinkauf aus dem Winter, der Däne Martin Braithwaite, soll abgegeben werden, doch es darf bezweifelt werden, dass er jene 18 Millionen Euro erbringt, die er gekostet hat. Wunschspieler Lautaro Martínez von Inter Mailand, Argentinier wie Messi, gilt mit einem Preisschild von mehr als 80 Millionen Euro als unerschwinglich. Bleibt Koemans niederländischer Landsmann Memphis Depay aus Lyon, der viel günstiger ist.

Sollte Depay kommen, würde er das aktuelle Aufgebot an Offensivspielern vergrössern, in dem junge Spieler wie Ansu Fati und Trincão zurzeit grössere Hoffnungen wecken als Etablierte wie Antoine Griezmann oder Rückkehrer Philippe Coutinho. Der Brasilianer war zuletzt an den FC Bayern ausgeliehen, der auf dem Weg zum Champions-League-Sieg Barça mit 8:2 zertrümmerte. Die Augen aber richten sich auf Messi, der gegen etwas Mächtigeres ankämpft als ein Barça-Präsidium: gegen das Gefühl der Einsamkeit in der Kabine.

5 Kommentare
    Monika Siebig

    Jeder wahre Fussballfan sieht mit Grausen wie ein wunderbarer Fussballkönner menschlich ob seines Größenwahns alle Sympathien verliert.