Ein Wal im Vierwaldstättersee

Das Kunstmuseum Luzern bringt in einer grossartigen Ausstellung William Turners Sicht auf Alpen und Meer zusammen.

<i>«Die blaue Rigi, Sonnenaufgang», 1842, Aquarell auf Papier, 29,7 x 45 cm. © Tate Britain</i>

«Die blaue Rigi, Sonnenaufgang», 1842, Aquarell auf Papier, 29,7 x 45 cm. © Tate Britain

Christoph Heim

Wie ein Wal taucht die mächtige Rigi aus dem Vierwaldstättersee auf. Kamm und Bergspitze spiegeln sich auf der ruhigen Oberfläche des Sees. Hinter dem blauen Bergmassiv macht sich die Sonne bemerkbar. Umgeben von Himmel und See, hat man den Eindruck, dass sich der ätherisch wirkende Berg von rechts ins Bild hineinschiebt.

William Turner (1775–1851) hat die Rigi x-mal gezeichnet und gemalt, sie aber nie selbst bestiegen. Ihm war der Blick aus seinem Hotelzimmer in Luzern genug, um einige der grossartigsten Bergbilder zu malen, die es überhaupt gibt.

Eines der drei weltberühmten Rigi-Bilder, das hier abgebildete «The Blue Rigi, Sunrise» aus dem Jahr 1842, hat es wunderbarerweise in die Ausstellung des Kunstmuseums Luzern geschafft. Die Tate konnte das Bild 2007 zum Preis von fast fünf Millionen Pfund erwerben. «The Red Rigi» hingegen blieb in der National Gallery of Victoria in Australien und durfte nicht reisen.

«The Dark Rigi» schliesslich steht zurzeit zum Verkauf. Da es sich um ein Kulturgut von nationalem Interesse handelt, hat der englische Arts Council ein temporäres Exportverbot darüber verhängt. Es ist zum Preis von zehn Millionen Pfund zu haben. Wenn sich kein britischer Käufer findet, kann es auch exportiert werden.

Kooperation mit Tate Britain

Man muss weit zurückgehen, um eine Turner-Ausstellung in der Schweiz zu finden: Im Jahr 2002 hat das Kunsthaus Zürich zu einer Turner-Retrospektive mit dem Titel «Licht und Farbe» geladen. 17 Jahre später heisst es in Luzern «Das Meer und die Alpen». Von Turner, der die Schweiz sechsmal bereiste, gibt es unzählige Alpenbilder, aber sie sind in so grossen Mengen, wie man sie für eine derartige Ausstellung braucht, nicht leicht zusammenzubringen.

«Schneesturm – ein Dampfer vor einer Hafeneinfahrt gibt Signale in der Untiefe und bewegt sich nach dem Lot, der Autor war in diesem Sturm in der Nacht, als Ariel von Harwich auflief», 1842, Öl auf Leinwand, 91,4 x 121,9 cm. © Tate Britain

Glücklicherweise konnte sich das Kunstmuseum Luzern auf die tatkräftige Mithilfe der Tate Britain stützen, die über einen gewaltigen Fundus an Turner-Werken verfügt. Nach Turners Tod erbte das Museum für britische Kunst den ganzen Nachlass des Künstlers, der aus rund 300 Ölbildern und rund 30’000 Zeichnungen und Aquarellen bestand. Bilder aus diesem Nachlass werden in der Ausstellung mit der Creditline «Accepted by the nation as part of the Turner Bequest 1856» bezeichnet.

Unterstützt vom Kunsthistoriker und erfahrenen Ausstellungsmacher Beat Wismer und mit einem Katalogbeitrag des grossen Turner-Kenners David Blayney Brown, entstand so in Luzern unter der Ägide von Fanny Fetzer eine klug kuratierte Schau, in der die Kombination von Meer und Alpen mehr als eine Verlegenheitslösung ist und einem den Schlüssel zu Turners Kunst in die Hand gibt.

Auf der Suche nach dem Erhabenen

Turner suchte in den Alpen das Erhabene, das Brown in seinem Katalogbeitrag einmal mit dem Satz umschreibt: «Turners Berge können wie eingefrorene Wellen aussehen und seine Wellen wie sich bewegende Berge. Dieses Phänomen nannte seine Generation ‹erhaben› und war fasziniert von dem durch sie ausgelösten Angstschauer, der einherging mit Ehrfurcht und Bewunderung.»

So lernen wir in dieser Ausstellung Ehrfurcht und Bewunderung angesichts von Pilatus und Rigi. Ängstigen uns vor dem Niedergang einer Lawine in Graubünden und stehen staunend vor der Teufelsbrücke und der Gotthardstrasse bei Amsteg und Wassen. Daneben aber lehren einen die Seestücke das Fürchten, Meerbilder und Wellenstudien, die in England und den Niederlanden entstanden und uns nicht weniger bewegen als die erhabenen Alpenbilder. Denn in seinem Schneesturm im Hafen, in dessen Mittelpunkt ein Dampfschiff steht, bringt Turner die Bewegung auf See genauso zum Stoppen, wie er den Bergen mit seiner luziden Malerei Bewegung beibringt.

Die Ausstellung im Kunstmuseum Luzern dauert bis zum 13. Oktober.

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