Eine Nacht an der Aare

Bern

Die neue Jugendherberge im Marzili ist seit einem Jahr in Betrieb. Eine Nacht im grössten Schlafsaal mit Koreanerinnen, Britinnen und einer Inderin.

Mit Blick hinauf zum Bundeshaus: In der Jugendherberge im Marzili gehen die unterschiedlichsten Menschen ein und aus.

Mit Blick hinauf zum Bundeshaus: In der Jugendherberge im Marzili gehen die unterschiedlichsten Menschen ein und aus.

(Bild: Christian Pfander)

Claudia Salzmann@C_L_A

Und plötzlich knallt es. Die Koreanerin liegt am Boden, sonst regt sich nichts im Schlafsaal. Ihre Freundin eilt ihr zu Hilfe. Für einen Sturz aus dem Etagenbett ist sie erstaunlich leise gefallen, so leise, wie es wohl nur Asiatinnen mit ihrem Federgewicht können. Die Britinnen, die sich schlafend stellen, werden am Morgen über sie lachen und dabei ihre Hände vor den Mund pressen, damit sie nicht stören.

Um 8 Uhr ist Tagwache in der Jugendherberge Bern, schliesslich ist man nicht zum Vergnügen hier und will etwas erleben. Die Koreanerinnen kehren vom Frühstück zurück, perfekt geschminkt und gepudert. Eine von ihnen lärmt mit ihrem Koffer, die Britinnen packen ebenfalls, heute geht es nach Como, viermal umsteigen. Gestern kamen sie von Amsterdam. Eine Nacht in Bern muss genügen. Lovely, very lovely, finden sie es.

Unter dem Ahorn

Am Abend davor herrscht auf der Wiese vorn an der Aare Betrieb. Akrobaten üben Kunststücke, ein Mann balanciert eine Frau auf seinen Füssen, eine andere wird von dreien mühelos in die Luft gestemmt. Andere Besucher sitzen hinter ihren Schlauchbooten im Schatten. Slackliner laufen auf den Bändern hin und her. Das alles bleibt unbeachtet von den wenigen Touristen, die etwas versetzt hinten unter dem Ahorn und vor ihrer Unterkunft sitzen. Wer in der neuen Jugendherberge im Marzili schläft, hört im Neubau die Aare über die Schwelle rauschen, so nahe ist der Fluss.

Eine Frau aus dem Jura hat ihre Schuhe ausgezogen, blättert in der Zeitung und flucht einen Mann an, der seinerseits seine Familie anflucht. «Der ist ja wie Trumpf», sagt sie mürrisch, aber ihre blauen Augen blitzen auf. Mit Trumpf meint sie Trump. Larissa, die Rezeptionistin, raucht eine Feierabendzigarette, eilig hat sie es nicht. Während sie reden, sieht man im Augenwinkel immer wieder die Aare glitzern. Baden will niemand. Lieber in Solothurn. Lieber nackt, wenn es dunkel ist, sagen sie. Anders im nahe liegenden Flussbad und im Restaurant Dampfzentrale, dort herrscht Dichtestress, alle wollen heute eintauchen.

Auch der Sonnenuntergang treibt die Leute nicht in die Jugi zurück. Der nette Koch schöpft alles, was seine Töpfe noch hergeben, auf den Teller. Kohlrabi mit Kartoffeln und ein Vanilleköpfli, sieht etwas trist aus, aber die Kirsche und das Lamm verleihen ihm ein wenig Farbe. Zwei Mädchen springen die Treppen des Neubaus hoch, ein junges Paar folgt ihnen, im verliebten Müssiggang. Von der Aarewiese dringen Stimmen und Grillaroma rüber.

Doch nicht so proper

Eine Inderin sitzt allein am Tisch, violettes Shirt, violettes Laptop-Etui. «Hier ist es so schön, dass ich es gar nicht erfassen kann», sagt sie. Vor zwei Tagen flog sie von Mumbai nach Frankfurt und erreichte Bern im Flixbus. Sie hat noch Jetlag, ihr Ziel, früh ins Bett zu kommen, wird sie in den Wind schiessen. Daheim arbeitet sie als Social Engineer. Sie macht drei Monate Sabbatical, wie jedes Jahr. Mit dem teuersten Land fängt sie an, zehnmal war sie schon in Europa. «Ihr verdient viel, arbeitet viel und bekommt das alles», sagt die 39-Jährige und zeigt um sich. «Ich arbeite auch hart, aber was ich bekomme, sind Strassen voller armen Menschen. Es ist hart.»

Für sie geht es weiter nach Braunschweig zu ihrem Bruder. Aber vorher will sie die Gratis-Stadtwanderung mitmachen. Was es denn sonst noch zu sehen gebe, fragt sie. Es ist kühl geworden. Mit jedem Schritt von der Aare weg und den Münzrain hoch wird es wärmer. Unter dem Bellevue hört man eine Menschenmenge auf der Terrasse schwatzen. Den Zytglogge erkennt sie von Bildern, und bei der Warnung, ihn nicht von der falschen Seite zu fotografieren, lacht sie. Die Funktion des Kornhauses kennt sie. Dass Napoleon mit einer Gefolgschaft von 700 Leuten einmal die Vorräte und den Wein ganz aufgebraucht hat, ist ihr aber neu.

Weiter zur Schützenmatte und zur Reitschule, denn sie will ja was erleben. «Was ist das?», fragt die Inderin und reisst ihre grossen Augen noch weiter auf. Drinnen in der Reitschule macht sie Bilder mit ihrem Handy, manche der Besucher ducken sich weg. «Wie heisst das hier? Schützen… was?», sagt sie und blickt neugierig um sich. Sie steigt die Treppe hoch auf den Container und setzt sich. «Das verändert meine Sicht auf Bern, es ist ja doch nicht so proper. Es ist Hippie. Ein grungy Märchen.»

Gegen Mitternacht gehts zurück ins Marzili. Die Nacht ist warm, doch mit jedem Schritt wird sie kühler. Die Touristin hat Pläne, Käsefondue essen und die Bären sehen. Ein Bad im Fluss hingegen gehört nicht dazu, schwimmen hat sie nie gelernt hat. «Aber gestern habe ich mich ans Ufer gesetzt. Es ist so schön hier, doch wenn man lange bleibt, sieht man das nicht mehr richtig», schwärmt sie und lacht. Ihr Name ist Smita, es bedeutet Lächeln.

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