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Die Appartement-Königin

Sie hat mit ihrer Idee den Zeitgeist getroffen: Die Winterthurerin Anja Graf vermietet Wohnungen für einen Monat oder länger. Eine Erfolgsgeschichte.

«Ich habe die Firma aus dem Nichts aufgebaut»: Anja Graf. Foto: Désirée Good
«Ich habe die Firma aus dem Nichts aufgebaut»: Anja Graf. Foto: Désirée Good

Anja Graf wusste schon früh, was sie wollte. Und was nicht. Mit 19 Jahren, wenn sich viele Gleichaltrige überlegen, ob sie nach der Schule und vor der Lehre oder dem Studium noch ein bisschen jobben oder doch lieber ein paar Monate um die Welt reisen wollen, war ihr klar: «Ich will Business machen.» Dieser Wunsch war so stark, dass sie das Wirtschaftsgymnasium in Winterthur vor der Matura abbrach, um ein Geschäft aufzuziehen. Zusammen mit Freunden gründete sie eine Modelagentur. Das Vorhaben war allerdings nicht von Erfolg gekrönt. Für Graf kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Ihr Wille, ein weiteres Projekt zu lancieren, blieb ungebrochen. Vielleicht auch, weil sie ihren ersten Versuch in der Geschäftswelt nicht als Scheitern, sondern als Antrieb zum Weitermachen verstand. Allerdings wollte sie es dieses Mal im Alleingang schaffen.

Allein in Zürich bietet Vision Apartments über 600 Wohnungen an.

Mit ihrer Idee, Appartements auf Zeit zu vermieten, traf Graf den Zeitgeist. Genauer gesagt: Sie war ihm voraus. Denn in der Schweiz war dieses Geschäftsmodell, im Gegensatz zum Ausland, noch nicht wirklich bekannt. Und so hat die Erfolgsgeschichte von Anja Graf und ihrem Unternehmen fast etwas Märchenhaftes. Es begann damit, dass die Winterthurerin die erste Etage der ehemaligen Mazda-Garage beim Zürcher Letzigrund in 15 möblierte Zimmer ausbaute, die sie zuerst an Models auf der Durchreise anbot.

Heute, 17 Jahre später, bietet Vision Apartments über tausend eigene Wohnungen auf Zeit an. Dies in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und Polen. Allein in Zürich sind es über 600 Wohnungen. 600 neue Appartements in Genf, Vevey, Lausanne, Basel, Frankfurt, Berlin und Wien sind bereits bezugsfertig oder in Planung. Bis nächstes Jahr soll das Angebot auf 2000 Objekte ansteigen.

Die durchschnittliche Mietdauer liegt bei drei Monaten

Schliesst man vom Kleidungsstil von Anja Graf auf das Interieur ihrer Appartements, liegt die Vermutung nah, dass diese ziemlich stilvoll eingerichtet sind. Beim Treffen in der Lounge eines Zürcher 5-Stern-Hotels trägt Graf zwar einen klassischen Hosenanzug im Business-Stil, aber dies auf so legere Art, dass er ihre Attraktivität nicht versteckt, sondern unterstreicht. Ästhetik ist der 40-Jährigen wichtig. «Ich habe von Anfang an gesagt, jede Wohnung muss immer so aussehen, dass ich selber darin wohnen möchte.»

Dieser Wohlfühlfaktor spielt bei Langzeitaufenthalten – die durchschnittliche Mietdauer liegt bei Vision Apartments bei drei Monaten – eine wichtige Rolle. Daneben sind eine zentrale Lage, gute Verkehrsverbindungen und Einkaufsmöglichkeiten sowie individuell buchbare Dienstleistungen wichtig.

Dass Anja Graf in Begleitung ihres Marketingchefs zum Interview kommt, irritiert etwas. «Wir haben zurzeit so viele Neuerungen, dass es für mich manchmal schwer ist, den Überblick zu behalten», meint sie. Doch es wird schnell klar, dass Graf niemanden braucht, der für sie einschreitet, wenn ihr eine Frage, die ihr gestellt wird, nicht passen sollte. Offen erzählt sie, dass sie von ihrer Familie mit einem Startkapital von einer Million Franken unterstützt wurde, als sie 1999 im Zürcher Kreis 4 das erste Haus mit Designwohnungen eröffnete. «Ich habe die Firma aus dem Nichts aufgebaut», sagt sie bestimmt, «nicht als Hobby einer verwöhnten Tochter, sondern mit der Vision, eine erfolgreiche Unternehmerin zu werden.»

Sie verschweigt auch nicht, dass die Anfänge mit Vision Apartments stressig gewesen seien. Doch sie sei überzeugt gewesen, «dass immer mehr Geschäftsleute eine Alternative zum konventionellen Hotelaufenthalt wünschen». Aber natürlich habe sie auch viel Glück gehabt und sei zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.

Und die Nachfrage wächst stetig. Im Gegensatz zu einem Hotelaufenthalt bietet diese Art des Wohnens mehr Privatsphäre bei Langzeitaufenthalten – die Mindestmietdauer bei Vision Apartments ist ein Monat – und doch ein gewisses Mass an Service. Die Wohnungen werden regelmässig gereinigt, haben Internetund TV-Anschluss und verfügen über ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Insider sprechen von 20 bis 40 Prozent günstigeren Preisen gegenüber einer qualitativ vergleichbaren Hotelunterkunft.

Um dem steigenden Bedürfnis nachzukommen, bauen Graf und ihr Team ihr Netz mit über hundert Partnern auch weltweit aus. Dadurch sind sie in der Lage, mehr als 2000 Appartements in 60 Ländern anzubieten. Graf sagt von sich selber, dass sie «ein Auge fürs Design» habe. Das bedeutet aber, nicht schöner Wohnen um jeden Preis, sondern eine Kombination aus praktisch, nachhaltig und ästhetisch. «Schliesslich muss die Inneneinrichtung auch für eine gewisse Zeit halten», sagt sie augenzwinkernd.

Ein Leben in Warschau

Wenn Graf über ihr Unternehmen spricht, sind Leidenschaft und Tatendrang spürbar, aber auch eine gewisse Ungeduld. Denn Zeit ist für sie ein knappes Gut. Kurz nach unserem Gespräch wird sie zurück nach Warschau fliegen. Dort lebt sie zusammen mit ihrem Partner Daniel Burlacescu, 31, und ihrem vierjährigen Sohn Kenzo im 21. Stock eines Wolkenkratzers. Burlacescu ist in erster Linie Hausmann und ermöglicht so seiner Frau, sich intensiv ihrem Unternehmen zu widmen. Nach Warschau ist Graf mit ihrem Ex-Partner, einem Polen, gezogen. Nach der Trennung blieb sie dort leben und hat da auch das Support-Center ihres Unternehmens aufgebaut.

Sie möchte auch gesellschaftlich etwas bewegen, «etwas zurückgeben», wie sie sagt.

Doch Anja Graf ist nicht nur Mutter des kleinen Kenzo, sie hat noch drei weitere Kinder im Alter von 16, 13 und 10 Jahren, die bei ihren Vätern leben und die sie regelmässig sieht. «Wenn wir uns nicht alle so gut verstehen würden und die Kinder nicht ein solch gutes Verhältnis zu ihren Vätern hätten, würde ein solches Konstrukt nicht funktionieren», ist Graf überzeugt, gibt aber auch zu, dass ihr das ständige Unterwegssein manchmal schwerfalle. «Es gibt Zeiten, da wache ich bereits sehr früh auf und frage mich, wie ich das alles organisieren soll, aber irgendwie geht es immer.»

Und Graf wäre nicht Graf, hätte sie nicht schon neue Pläne. Ihr nächstes Ziel: Sie möchte sich weiter vom operativen Business zurückziehen, «um mir etwas Luft zu verschaffen». Denn sie möchte auch gesellschaftlich etwas bewegen, «etwas zurückgeben», wie sie sagt. «Es wäre schön, wenn ich bis Ende 40 ein Projekt im philanthropischen Bereich, vielleicht auch mit anderen Unternehmern, geschaffen hätte, das etwas zum Wohl der Menschen beiträgt.» Sie wird zweifellos auch dies schaffen.

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Appartements auf Zeit

1999 gründete die Winterthurerin Anja Graf Vision Apartments. Heute verfügt das Unternehmen über mehr als 1000 möblierte Wohnungen in der Schweiz, im deutschsprachigen Ausland und in Warschau. Sie werden an Unternehmen und Privatpersonen vermietet. Die Monatsmieten liegen zwischen 1800 und knapp 9000 Franken, je nach Grösse. Laut Graf sind die Objekte zu 90 Prozent ausgelastet, in Zürich sogar zu 100 Prozent. Bei der Einrichtung der Wohnungen – viele Ideen stammen von Graf selber – setzt die 40-Jährige auf zeitgemässen Stil, Nachhaltigkeit und eine gewisse Einfachheit. Zu viele Optionen und zu viel Hightech würden den Gast verwirren, ist die Mutter von vier Kindern überzeugt. Zurzeit lebt Graf mit ihrem Partner und ihrem jüngsten Sohn in Warschau.

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