«Aber natürlich!», schmunzelt Chef-Confiseur Alex Solentaler (55), auf die Frage, ob er selbst überhaupt noch Magenbrot sehen und essen könne. «Von unserem feinen Magenbrot kann man doch gar nie genug bekommen!», lacht der sympathische Patron, der selbst jeden Tag ein Säckli mit der feinen Lebkuchen-Spezialität isst.
«Ich muss doch wissen, was ich produziere! Unser Geheimnis ist der frische Bienenhonig, den wir nebst Zucker dem Magenbrot beigeben. Das genaue Rezept ist im Familienbesitz und bleibt geheim.»
Der Widener, der einst die Hotelfachschule Luzern besuchte und in namhaften Sternehäusern (Penta London, Palace Hotel Gstaad und Montreux, Beau-Rivage Lausanne) von der Réception bis hinauf in die Direktion tätig war, legt Blech um Blech mit feinem Magenbrot auf den Rollwagen, der später in den grossen Backofen geschoben wird.
In der Backstube duftet es herrlich nach frischem Magenbrot, Kokosmakrönli und Biberfladen. Der Renner aber ist das Magenbrot – ein Confiserie-Klassiker. Der Ursprung des lebkuchenartigen Gewürzbrotes geht bis ins 12. Jahrhundert zurück, als man auf den Jahrmärkten im Frühling und Herbst zum Bader (Coiffeur) oder zum Zähneziehen ging.
Das Magenbrot mit seinen Gewürzen soll ursprünglich mehr ein Arzneimittel zur Beruhigung der Nerven gewesen sein. Die rosarote Verpackung sollte diese Spezialität besonders exklusiv machen – die Farbe rot war einst hohen katholischen Würdenträgern und Königen vorbehalten. «So ganz genau weiss das aber niemand – Magenbrot ist einfach beliebt, seit Urzeiten bis heute», sagt Solentaler.
«Ganz am Herzen liegt mir die Qualität unserer Produkte: E-Nummern und Konservierungsstoffe kennen wir nur vom Hörensagen – und das bleibt auch so!», sagt der erfolgreiche Confiserie-Unternehmer bestimmt.
Selbst die Füllung für die beliebten Biberfladen wird selbst hergestellt. «Soli’s Magenbrot» ist so beliebt, dass Konkurrenten sogar die Solentaler-Säckli mit der Biene drauf nachahmen. «Schade, dass gewisse Leute selbst keine Fantasie haben», zuckt Solentaler mit den Schultern und meint: «Aber eigentlich ist es ja ein Kompliment, wenn man kopiert wird.»
«Oft ist auch Solentaler drin, wenn etwas anderes auf dem rosa Säckli steht», lacht Alexander Solentaler. «Viele Marktfahrer und Magenbrot-Verkäufer hüten es als gutes Geheimnis, woher sie ihre feinen Spezialitäten beziehen.»
Kistenweise kaufen sie beim Widener Spezialitäten-Confiseur Magenbrot ein und füllen es dann in rosarote Säckli mit eigenem Namen. «Uns macht das nichts aus – Hauptsache, die Leute haben unser Magenbrot gern und essen viel davon.»
Ob Zürcher Knabenschiessen, Basler Herbstmesse, St. Galler Olma oder Weihnachts- und Christkindli-Märt Bremgarten – das Aargauer Magenbrot vom Mutschellen ist jahraus, jahrein an vielen Chilbis, Märkten und Messen in der ganzen Schweiz zu kaufen.
Wer am Produktionsbetrieb mit Wohnhaus an der Bremgarterstrasse 84 in Widen vorbeifährt, findet unter einem Sonnenschirm mit Kässeli täglich Säckli mit frischem Magenbrot. Statt Blumen zum Selbstschneiden Magenbrot zum Selbstkaufen.
«Die meisten Magenbrot-Liebhaber sind ehrliche Leute», meint Solentaler, angesprochen auf die Zahlmoral seines Magenbrot-Boxenstopps. «Wir sind ein Familienbetrieb – klein, aber fein!», ergänzt er. Lebenspartnerin Marianne Weiss (50) kümmert sich um den Verkauf und die Vermarktung der Solentaler-Spezialitäten.
Die Gastro-Fachfrau lebte lange Jahre in Argentinien, eröffnete in Buenos Aires eine Hotelfachschule und bewirtete in Las Llenas die glorreiche Schweizer Ski-Nati mit Vreni Schneider und Maria Walliser.
Marianne Weiss stellt derzeit einen Trend «weg vom Kitsch» fest: «Die alten und traditionellen Biber- und Lebkuchen-Bildli – zum Beispiel Hänsel und Gretel – sind wieder stark gefragt: Die Leute schätzen das Bewährte und Ursprüngliche, die alten Motive wecken Erinnerungen an die Kindheit.»
Und bewährt sind die Produkte aus diesem Confiserie-Betrieb – hergestellt werden fast ausschliesslich Klassiker der Schweizer Confiserie, wie sie Generationen von Geniessern lieben. 1953 eröffnete Vater Arnold in Zürich-Oerlikon eine Bäckerei-Konditorei mit Ladengeschäft.
Seine Spezialitäten wie Anis-Konfekt, Biber, Lebkuchen und Magenbrot fanden sofort grossen Anklang. Die Produktion wurde erweitert und man belieferte Cafés, Tea-Rooms und Restaurants. 1960 wurde der zweite Produktionsbetrieb auf dem Mutschellen eröffnet, um die steigende Nachfrage aus der ganzen Schweiz befriedigen zu können. Seit 1972 wird nur noch in Widen produziert, 1985 übernahm Sohn Alexander den Betrieb und führt ihn mit dem gleichen, strengen Qualitätsbewusstsein weiter.
Solentalers Produkte werden schweizweit ausgeliefert: an Marktfahrer, an grosse Detailhändler wie Coop, Spar und Denner, aber auch an Private in aller Welt. «Sogar bis nach London oder Schanghai schicken wir unser Magenbrot.
Darauf sind wir schon ein bisschen stolz», meint der Patron. «Zurzeit sind wir voll in der Magenbrot-Saison – wir sind fast Tag und Nacht in der Backstube», erklärt Solentaler. «Ein feines Magenbrot passt immer – ob am Jahrmarkt oder an kalten Wintertagen zu Hause als süsse Begleitung zu Kaffee oder Tee.
Ein gutes Magenbrot ist fein im Geschmack, hat einen vollen Körper und wirkt eine Weile im Gaumen nach – wie ein guter Wein. Gourmets empfehlen als absoluten Genuss zum Magenbrot übrigens ein Glas Gewürztraminer oder Eiswein.»