Adoption
Aktualisiert am 22.02.12, um 17:38
 

Kinderschutz-Experte: «Halbbazige Lösung ist unbebefriedigend»

Lesbisches Paar mit zwei Kindern
Quelle: Keystone
Der Bundesrat will das Adoptionsverbot für gleichgeschlechtliche Elternpaare lockern, aber nicht abschaffen. Für Kinderschutz-Experte Heinrich Nufer geht der Vorschlag in die richtige Richtung, aber nicht weit genug. Es sei eine halbbazige Lösung.
 

Herr Nufer, der Bundesrat will das Adoptionsverbot für gleichgeschlechtliche Elternpaare lockern und ihnen künftig erlauben, Stiefkinder adoptieren. Was der der Kinderpsychologe und Kinderschutzexperte dazu?
Nufer: Die Lösung geht in die richtige Richtung. Aus kinderpsychologischer Sicht frage mich aber, wieso nur Stiefkinder adoptiert werden können.

Und was ist Ihre Antwort darauf?

Heinrich Nufer ist Kinderpsychologe und Präsident der Schweizerischen Fachstelle für Adoption
Heinrich Nufer ist Kinderpsychologe und Präsident der Schweizerischen Fachstelle für Adoption
Quelle: screenshot SRF

Der Vorschlag wiederspiegelt die Haltung unserer schweizerischen Gesellschaft und auch ihrer politischen Akteure. Diese argumentieren damit, wenn eine Bevölkerungsmehrheit nicht wolle, dann sei es auch nicht möglich dies gesetzlich zu ermöglichen. Aus Kinderschutz-Optik ist eine solch halbherzige Kompromisslösung unbefriedigend, sofern sie dann überhaupt kommt. Sie schafft zwei Kategorien von Kindern, solche die ähnlich wie Stiefkinder in heterosexuellen Partnerschaften adoptiert werden dürfen und solche, die diesen Schutz nicht bekommen können. Man sollte das Adoptionsrecht viel umfassender angehen.

Wie denn?
Es geht ja aus Kinderschutzsicht nicht primär um das Recht auf Adoption, sondern um den individuellen Schutz des Kindes, das in einer familiären Lebensgemeinschaft aufwächst - es ist schicksalshaft damit verbunden und hat ein Anrecht auf optimalen Schutz. Sie müssen wissen, dass erschreckend viele  Kinder Gewalt erleben. Neuere Daten weisen darauf hin, dass das in jeder fünften Familie vorkommt. Und wir haben nur wenig Instrumente und frühe Interventionsmöglichkeiten dagegen in der Hand.

Sind Schwule und Lesben eventuell gar bessere Eltern?
Nein. Es gibt keine Studien und Hinweise, die den Schluss zulassen, dass gleichgeschlechtliche Paare bessere oder schlechtere Eltern. Es ist vielmehr so, dass Kinder bei gleichgeschlechtlichen Eltern genauso gute Bedingungen fürs Aufwachsen möglich wie bei heterosexuellen Eltern. Entscheidend ist nicht die sexuelle Orientierung der Eltern, sondern ob diese in der Lage sind, für das Kind zu sorgen. Das heisst, Verantwortung übernehmen, überlegt handeln, emotionale Wärme und ein vielfältiges und tragfähiges soziales Umfeld schaffen. Schwule und Lesben, die den Kinderwunsch erwägen, machen das nicht leichtsinnig. Der sorgfältige und verantwortungsbewusste Entscheidungsweg as ist eine gute Voraussetzung, die Elternrolle auszufüllen. Die Niederlande bezeichnet registrierte Partnerschaften zum Beispiel als Ehe und gewährt gleichgeschlechtlichen Paaren die exakt gleichen Adoptionsrechte wie heterosexuellen.

Gegner des vollständigen Adoptionsrechtes für Homosexuelle argumentieren auch damit, dass Kinder aus schwullesbischen Partnerschaften mehr Hänseleien ausgesetzt sind und so Schaden nehmen könnten.
Kinder haben andere Kinder schon immer gehänselt. Die einen werden wegen abstehenden Ohren gehänselt, andere wegen ihrer Grösse. Für Kinder ist das ein unfaires Spiel. Wichtig ist, dass Eltern sich mit dem auseinandersetzen und wachsam sind. Kinder sollen lernen, mit dem umzugehen, einem anderen Kind Grenzen zu setzen. Studien zeigen im übrigen, dass Kinder von gleichgeschlechtlichen Paaren diesbezüglich weniger benachteiligt sind als angenommen. (Interview: rsn)

 

 

(az)
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