Volksabstimmung
Aktualisiert am 22.02.12, um 07:24 von Karen Schärer
 

«Kalte Betten» gibt es auch mitten in der Stadt

12 Prozent Zweitwohnungsanteil: Job in Bern, aber anderswo zu Hause.
Quelle: Keystone
Mobilität und Finanzkrise haben eines gemeinsam: Schweizer legen sich Zweitwohnungen zu. Die Volkszählung des Jahres 2000 weist 12 Prozent aller Wohnungen in der Schweiz als Zweitwohnungen aus. Viele davon stehen in städtischen Gebieten. von Karen Schärer
 

Fehlende Geranien und geschlossene Fensterläden weisen eine Wohnung im schmucken Bergdorf als Zweitwohnung aus. In der Stadt hingegen lassen sich Zweitwohnungen häufig nur schwer identifizieren, schlicht deshalb, weil sie bewohnt sind. In Bern etwa sind es vorwiegend Parlamentarier, Studierende und Angestellte von Verwaltung, Verbänden und des Gesundheitswesens, die einen zusätzlichen Wohnsitz haben.

Wie die «NZZ am Sonntag» kürzlich schrieb, liegt der Anteil der Zweitwohnungen in der Hauptstadt aktuell bei rund 12 Prozent. In Basel machten junge Menschen in Ausbildung den grössten Anteil der Wochenaufenthalter aus, sagt Regula Küng, Leiterin der Fachstelle Stadtwohnen beim Kanton Basel-Stadt. Wie hoch der Anteil der Zweitwohnungen in Basel sein könnte, kann Küng nicht sagen. «Die Werte aus der Volkszählung 2000 sind aus Sicht des Statistischen Amts des Kantons Basel-Stadt als absolute Werte nicht brauchbar», sagt Küng. Deshalb arbeite man nicht mit diesen Zahlen.

Zweitwohnungen in Städten beliebt

Die Volkszählung des Jahres 2000 weist 12 Prozent aller Wohnungen in der Schweiz als Zweitwohnungen aus. In der Stadt Zürich zählte man im Jahr 2000 rund 10000 Wohnungen, die als Zweitwohnsitze gemeldet waren; dies entsprach nur etwa fünf Prozent der Wohnungen. Diese Zahl liegt damit deutlich unter der Obergrenze von 20 Prozent Zweitwohnungsanteil pro Gemeinde, über welche die Stimmberechtigten am 11. März abstimmen. Doch die Anzahl Zweitwohnungen in Städten wächst seit 20 Jahren, nicht zuletzt aufgrund der wachsenden Mobilität. So pendelt vielleicht ein Basler nach Oerlikon zur Arbeit und nimmt sich, weil der Weg doch recht weit ist, eine kleine Wohnung bei Zürich, in der er ab und zu nächtigt.

Auch die Unsicherheit an den Finanzmärkten macht es attraktiv, in Immobilien zu investieren. Dies führt dazu, dass es mitten in der Stadt «kalte Betten» gibt.

Es gibt keine Zahlen dazu, wie stark der Anteil an Zweitwohnungen in Zürich seit dem Jahr 2000 gewachsen ist. Doch dass er gewachsen ist, daran zweifelt niemand. «Es ist beliebt, in der Altstadt von Zürich einen Zweitwohnsitz zu haben», sagt etwa Martin Brogli, Präsident des Quartiervereins Zürich 1. Die Liegenschaften im Niederdorf würden aufwändig umgebaut, blieben dann aber unbewohnt. Die Besitzer nutzen ihre Altstadtwohnung zum Übernachten nach einem Konzertbesuch, um Gäste zu beherbergen oder sie halten sie als sichere Anlage.

Die grosse Nachfrage treibe die ohnehin schon hohen Preise im Kreis 1 weiter hoch, sagt Brogli und spricht damit ein Thema an, unter dem auch die ansässige Bevölkerung in den bei Touristen beliebten Dörfern leidet.

Exklusive Liegenschaften nur zweitweise bewohnt

Auch in Bern dürfte es exklusive Liegenschaften geben, die nur zeitweise bewohnt sind. So pries kürzlich die Immobilienverwaltung von Graffenried ein Objekt zum Mietzins von rund 4500 Franken als «ideale Zweitwohnung» an. «Vereinzelt» gebe es wohl auch in Basel Wohnungen im Hochpreissegment, die als Zweitwohnungen genutzt werden, sagt Regula Küng.

Ausländer spielen bei den Zweitwohnungen in Städten eine marginale Rolle: «Geschätzte 90 Prozent der Mieter oder Besitzer von Zweitwohnungen in Zürich sind Schweizer», sagt Franz Behrens, Leiter des Stadtzürcher Personenmeldeamts.

Mehr noch: Rund die Hälfte von ihnen hat auch den Erstwohnsitz in der Stadt Zürich. Die Motive dafür seien vielfältig, führt Behrens aus: Mieter, beispielsweise Geschäftsleute, bringen in der Zweitwohnung Kunden unter. Oder jemand behält nach dem Umzug in eine grössere Wohnung die alte Wohnung und vermietet sie weiter. Manche wohnen auch tatsächlich selbst in beiden Wohnungen: Behrens ist aus seinem privaten Umfeld ein Fall bekannt, bei dem jemand zwischen seinem Zuhause am Zürichberg und seiner neuen Wohnung im exklusiven Prime Tower pendelt.

(az)
Leser-Empfehlungen auf Facebook
az-Leser empfehlen: