Krämpfe und ein heilender Stein

Die 23.Ausgabe des Jungfrau-Marathons hat Läuferinnen und Läufer aus 56 Nationen ins Berner Oberland gelockt. Besonders in Erinnerung bleiben wird der Event dem Sieger Shaban Mustafa – aber nicht nur ihm.

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Alphornbläser laufen vor dem Hotel Victoria-Jungfrau in Interlaken durch, ihr Instrument noch in vier Teilen auf dem Arm. Es ist kurz vor neun Uhr, als die Nationalhymne ertönt. Die Läuferinnen und Läufer stehen am Start zum Jungfrau-Marathon bereit, vor ihnen liegen 42,195 Kilometer, der Kampf gegen 4600 Konkurrenten und sich selbst.

Nach 3:02:36 Stunden überquert Shaban Mustafa die Ziellinie. Der Bulgare freut sich über seinen Sieg, sagt, wie schön die Kulisse des Rennens gewesen sei, und bedankt sich für Gratulationen. Weiter reichen weder seine Englischkenntnisse noch jene des Trainers, und so macht sich der 37-Jährige auf zu den Duschkabinen. Immerhin lässt Speakerin Ruth Raaflaub die Zuschauer noch wissen, dass Mustafa einst bei einem Berglauf in seiner Heimat nicht die Laufschuhe schnürte, sondern mit der Grillzange hantierte und allen Athleten Fleisch zubereitete.

Nur knapp vier Minuten später trifft Patrick Wieser als bester Schweizer auf dem vierten Platz ein. Lange sah es danach aus, als würde der Thurgauer den Sprung auf das Podium wie 2008 schaffen, denn gut 4 Kilometer vor dem Ziel lag er an dritter Stelle. Der amtierende Berglauf-Weltmeister Tommaso Vaccina mobilisierte allerdings letzte Kräfte und überholte Wieser noch. «Das ist schon ein wenig frustrierend», sagt der Marathon-Schweizer-Meister von 2014, fügt aber an, dass er sich eine Platzierung in den besten fünf vorgenommen habe und deshalb gleichwohl zufrieden sei.

Zum Zeitpunkt, als Mustafas Haar in der Sonne wohl bereits getrocknet ist, kämpft sich Antti Peltonen hoch auf die Kleine Scheidegg. Seit Wengen plagen ihn Krämpfe, doch der gebürtige Finne beisst auf die Zähne. Peltonen lebt in Bern, wo er ein Betriebswirtschaftsstudium absolvierte. Es ist kurz nach zwölf Uhr, als er die Haaregg auf 1990 Metern erreicht. Ein paar Alphornbläser haben sich dort aufgestellt und lassen melodiöse Klänge in Richtung Männlichen erklingen.

Noch sind es knapp zweieinhalb Kilometer bis ins Ziel. Peltonen schleppt sich hoch zur Loucheflue. Der letzte Aufstieg ist geschafft, bis ins Ziel geht es bergab. Als der 28-Jährige zum Fallbodensee kommt, sind es noch knapp 700 Meter. Eine Frau am Streckenrand ruft den Finnen zu sich, hebt einen kleinen, grauen Stein vom Boden auf und gibt ihn ihm in die Hand. Damit werde er keine Krämpfe mehr haben, versichert sie. Nach insgesamt 3:39:29 Stunden überquert Peltonen als 29. die Ziellinie. «Zumindest auf den letzten Metern hatte ich keine Schmerzen mehr», sagt er auf Berndeutsch mit einem finnischen Akzent und lacht, als er den Stein in seiner geöffneten Hand betrachtet.

Bereits zum vierten Mal ist er am Jungfrau-Marathon gestartet und ist froh, dass er unter 3:40 Stunden geblieben ist. Als Vorbereitungsort dient ihm jeweils der Gurten. «Den Berner Hausberg kenne ich mittlerweile sehr gut.» Auch mit der Kleinen Scheidegg verbindet ihn ein spezielles Verhältnis. Nur knapp eine Woche nach seiner Ankunft in der Schweiz vor fünf Jahren rannte er mit Kollegen auf den 2061 Meter hohen Gipfel. Peltonen geniesst die Bergwelt – so sehr sogar, dass er das Erlebnis Jungfrau-Marathon mit Verwandten teilen möchte. Sein Vater Pertti ist extra aus Jyväskylä angereist. Er erwarte ihn etwa in anderthalb Stunden im Ziel, sagt Peltonen und grinst, wohl nicht unfroh, dass er es bereits erreicht hat.

Es ist kurz vor 16 Uhr, als der letzte Läufer auf der Kleinen Scheidegg eintrifft. Die letzten Töne hallen im Lauterbrunnental, auf der Haaregg werden die Alphörner eingepackt.

(Berner Zeitung)

(Erstellt: 14.09.2015, 06:34 Uhr)

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