«Es ist wie eine grosse WG»

NiederbippIn der Asylunterkunft im alten Spital in Niederbipp ist Leben eingekehrt: Vor zwei Wochen sind die ersten Familien ein­gezogen. Diese werden in Niederbipp zwar betreut, meistern ihren Alltag mit Putzen, Waschen und Kochen aber allein.

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Bis vor wenigen Wochen herrschte hier noch gähnende Leere. Mittlerweile läuft der Betrieb im alten Spital in Niederbipp aber auf Hochtouren. Im Treppenhaus riecht es nach Reinigungsmitteln. Überall wird geputzt, es werden Kehrichtsäcke und PET-Flaschen weggetragen. «Die Bewohner sorgen selbst dafür, dass hier alles läuft.

Es ist wie eine grosse WG», erklärt Marcel Blaser von der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe, der das fünfköpfige Betreuerteam in der Asylunterkunft in Niederbipp leitet. Bis heute Montag sind hier innerhalb von zwei Wochen hundert Asylsuchende eingezogen – über zwanzig Familien oder Ehepaare ohne Kinder.

Die meisten von ihnen sind aus Afghanistan geflüchtet, gefolgt von Syrien. Rund die Hälfte von ihnen wurde – mit Ausnahme eines kurzen Zwischenhalts im Bundeszentrum – direkt von der Grenze hierhergebracht. Der Rest hat zuvor bereits in einer anderen Schweizer Asylunterkunft gewohnt (siehe Kontext unten).

Jeder hat ein Ämtli

Ein Rundgang mit Marcel Blaser führt vom Büro, bei dem eigens für die Bewohner ein Empfangsschalter eingerichtet wurde, als Erstes hinauf in die zwei Obergeschosse. Dort herrscht an diesem Morgen ein stetes Kommen und Gehen. Eine Gruppe von jungen Männern ist gerade dabei, eine Dusche zu reinigen. Jeder von ­ihnen hat ein Ämtli zugeteilt bekommen und verdient sich damit ein Sackgeld.

Die breiten Gänge und Zimmer bieten den Asylsuchenden grosszügig Platz. In einer Asylunterkunft müsse alles ein wenig robuster sein, sagt Blaser. In dieser Hinsicht sei das Gebäude ideal. «Man kann hier jederzeit auch mal einen Nagel einschlagen», sagt er und lächelt. Der Charakter des alten Spitals jedoch ist an vielen Stellen noch allgegenwärtig. «Die Heilsarmee-Flüchtlingshilfe hatte nur wenige Wochen Vorlaufzeit, um das Gebäude einzurichten», erklärt Marcel Blaser.

Weshalb man auch Wert darauf gelegt habe, Prioritäten zu setzen. Die Räumlichkeiten wurden lange geputzt, teils gestrichen, es wurden Betten aufgestellt, und auch die sanitären Anlagen wurden angepasst. «Mit ein wenig Farbe kann man viel machen», sagt Blaser.

Andere Arbeiten hingegen mussten warten – so sollen zum Beispiel auf beiden Obergeschossen noch Gemeinschaftsräume eingerichtet werden. Zudem will man für die Bewohner Sprachkurse und Beschäftigungsprojekte lancieren. Denkbar sei auch, dass für die Kinder ein kleiner Spielplatz gebaut werde, sagt Marcel Blaser.

Berge und Einfamilienhäuser

In der Asylunterkunft Niederbipp wohnen, Stand Mitte letzte Woche, 29 Kinder unter 16 Jahren. Sie alle sollen die Möglichkeit erhalten, in den Schulunterricht zu gehen. Bis es so weit ist, vertreiben sie sich ihre Zeit im und ums Gebäude. Wie dies aussehen kann, zeigt sich an diesem Morgen in einem Gemeinschaftsraum im Untergeschoss: Auf eigene Initiative hat eine Mutter hier eine grössere Gruppe Kinder versammelt.

Es wird gemalt und gebastelt. Stolz werden Marcel Blaser die Zeichnungen präsentiert. «Who made this?», fragt dieser in die Runde und staunt nicht schlecht: Die Kinder haben grosse Berge und Einfamilienhäuschen gemalt – ihre ersten Eindrücke von der Schweiz.

Ebenfalls im Untergeschoss finden sich die Küche und die Waschküche. Das Essen wird von den Bewohnern im Dorf gekauft und danach von ihnen selbst auf der neu eingebauten Kochinsel zubereitet. «Für die Integration ist es gut, wenn die Leute aus dem Haus kommen», sagt Blaser.

Viele wollen Spenden

Auch wenn er betont, dass man sich noch in der Aufbauphase befindet, verläuft vieles im alten Spital schon jetzt offensichtlich reibungslos. Marcel Blaser freut es vor allem, dass fast täglich Anrufe von Leuten reinkommen, die spenden wollen. «Ich habe den Eindruck, dass die Bevölkerung den Asylsuchenden sehr wohlwollend gegenübersteht.»

(Berner Zeitung)

(Erstellt: 25.01.2016, 09:58 Uhr)

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«Hier herrscht kein Krieg»

Viele Asylsuchende in Niederbipp kommen aus Afghanistan. So auch Familie Tazri. Bei einem Besuch erzählt sie von den schwierigen Verhältnissen in ihrem Heimatland.

Zwei Monate war die siebenköpfige Familie Tazri?* mit Vater Mohamat (68) und Mutter Nazanin (54) unterwegs. Ihre Reise führte sie aus der Provinz Laghman im Osten Afghanistans über den Iran und die Türkei weiter auf dem Seeweg nach Griechenland. An die Bootsreise haben die beiden Brüder Basir (17) und Munir (15), die beide Englisch sprechen, keine guten Erinnerungen. Die vierstündige Fahrt auf dem kleinen Boot sei sehr gefährlich gewesen, erinnern sie sich. Vor allem seien sie seekrank geworden. «Auf dem Boot haben alle geweint», sagt Munir. Über die westliche Balkanroute gelangten sie schliesslich an die Schweizer Grenze.
Dass sie hierher flüchten konnten, darüber freut sich die Familie sehr. «Hier herrscht kein Krieg, es ist Frieden», erklären die beiden Brüder. Anders als in ihrem Heimatland: In diesem sei es für sie nicht mehr möglich gewesen zu leben. In der Gegend, in der sie gewohnt hätten, habe es keine Polizei gegeben, die sie vor den Übergriffen der Taliban geschützt ­hätte. Als schliesslich der älteste Sohn der Familie von ebenjenen Taliban getötet wurde, machte sich die Familie, die in Afghanistan Land und einen kleinen Laden besass, auf die Flucht.

«Das ist sehr wichtig für uns»

Wie es der Schwester von Mutter Nazanin geht, die immer noch in Afghanistan lebt, wissen sie nicht. Es ist mittlerweile zehn Monate her, dass sie mit ihr sprechen konnten. Auch zur grossen Tochter hat die Familie derzeit keinen Kontakt. Diese sei in einer an­deren Asylunterkunft untergebracht, erzählt Basir.

Ihren Entscheid, in die Schweiz zu kommen, haben die Tazris nicht bereut. In Niederbipp gefällt es ihnen gut. Zum Einkaufen seien sie auch schon im Dorf gewesen, berichten sie. Die Leute dort seien zu ihnen alle sehr freundlich gewesen. In der Asylunterkunft tauscht sich Familie Tazri vor allem mit den anderen afghanischen Familien aus. Zu ihnen hätten sie schon Kontakt, sagt Basir. Ansonsten aber sei die Sprache leider noch ein Hindernis. Weshalb er und die anderen Familienmitglieder auch so rasch wie möglich Deutsch lernen wollen. «Das ist sehr wichtig für uns.» Munir nickt. Zurückkehren nach Afghanistan, das können sich die beiden Brüder nicht vorstellen. «Der Krieg in Afghanistan geht ewig weiter», sind sie überzeugt. swl

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